Dienstag, 27. Januar 2026

Can Xue: Schattenvolk


Beginnen möchte ich mit einem Zitat aus einem Deutschlandfunkpodcast zum Buch bzw. zur Autorin von Maximilian Mengeringhaus

„Bei der Autorin gibt‘s für mich sowas wie ´ne Distinktionsfalle; alle wollen das gut finden … das ist so‘n bisschen wie dieser Naturwein-Hype. Da sind alle auf einmal total begeistert davon, wenn ein Wein nach altem Schlauchboot und altem Räucherspeck riecht und nicht nach Pfirsich, Aprikose & Co. Das ist erstmal aufregend. Da muss man sich aber selber fragen: hat man da immer Bock drauf?“

Was mich angeht, beantworte ich das ganz klar mit: „Nö! Ich hab‘ da keinen Bock drauf!“ Der zitierte Kritiker hat aber durchaus auch viel positives über sie zu sagen (mehr als ich - also reinhören! (m)eine Stimme ist keine Stimme!

Warum also wollen Literatur-„Weisen“ das gut finden (obwohl mit Sicherheit die wenigsten der Kritiker alle Geschichten wirklich gelesen haben. Das merkt man den Kritiken an, wenn z. B.  behauptet wird, dass alle Geschichten von Tieren erzählt werden. Stimmt in den ersten vieren … dann nicht mehr … so wirkliche Begeisterung klingt auch meist anders - alle Kritiken lesen sich bemüht, verkrampft ….)?

Warum also? Weil die Schriftstellerin Can Xue als Nobelpreis-verdächtig gilt, nehme ich mal an.  Sollte der Preis irgendwann nach China gehen, dann vermutlich an sie, so die Prognose. Woher die kommt? Ich habe keinen Schimmer!

Da ich kein Problem damit habe, als komplette Banausin dazustehen, gestehe ich freimütig, mit diesen merkwürdigen Texten, die ich gar nicht „Geschichten“ nennen mag, wenig anfangen zu können. Es handelt sich für mich auch nicht um „Lesen“ im üblichen Sinn sondern um ein „durch die Augen ins Hirn ziehen bunt zusammenassoziierter Wort- und Satzbrocken bzw. aus Wörtern erstellter kubistischer bis abstrakter Bilder“. So irgendwie.

Ich zitiere mal aus dem oben schon verlinkten Wikipedia-Eintrag:

In Schattenvolk (2024) beschreibt Can Xue eine surrealistische Welt, in welcher die Grenzen zwischen Mensch und Tier verschwimmen und existenzielle Fragen in einem Slum von durchsichtigen Bewohnern und einem erzählenden Nagetier behandelt werden.[5] Die Geschichten umkreisen Themen wie Isolation, Armut und die Absurdität des Alltags, während die Autorin bewusst auf jegliche Stringenz in der Erzählweise verzichtet und stattdessen das Unbewusste und das Unheimliche in den Vordergrund rückt, wodurch eine verstörende Atmosphäre entsteht, in der das Wunderbare und das Groteske eng miteinander verbunden sind.

Ich würde es so formulieren: auch innerhalb der einzelnen Texte muss man ein bisschen nach Zusammenhängen suchen ohne Garantie, sie zu finden. Handlungen? Eher selten und höchstens einen Absatz lang, bei dem man sich freuen darf, dass er ab und zu mal  zusammenpassenden Anfang und Ende hat.  Auch nicht garantiert. Die Sprache? Seltsam - ob das aus der Übersetzung oder dem Originaltext resultiert, lässt sich angesichts der fehlenden Sinnzusammenhänge schwer beurteilen. Ist vermutlich auch wurscht. 

Es ist eher wie das Abspulen von wirren Alpträumen, bei denen Personen, Handlungen und Eindrücke permanent mäandern und irgendwie wabern. Tiere überall: (Krait)-Schlangen, Skorpione, Schildkröten, Braunbären, Blutegel, Krokodile, Eidechsen, Welse. Mäuse, Ratten,  Schweine … knabbern auch schon mal Menschen an, Teile der Füße oder ganze Finger ab … immer wieder quiekende Schweine. Aber auch Schlingpflanzen, die Wesen im Wasser magisch nach unten ziehen, schwebende, verschwindende, sich wandelnde Gegen- und Zustände …

Ich schließe die Buchbesprechung mit einem Zitat aus der ersten Geschichte ab:

Ich will nicht sagen, dass ich verstand, was sie sagte, denn das tat ich immer noch nicht. Eine fremdartige Sprache, in der jedes Wort verständlich schien, doch im Zusammenhang wusste man überhaupt nicht, wovon die Rede war. — Xue, Can. „Schattenvolk.“ Matthes & Seitz Berlin Verlag, 2024, p. 27


Wie kam ich drauf? Durch die Lücke, ach, diese entsetzliche Lücke … in meiner noch recht neu in Fleißarbeit ;) erstellten Autorenliste meiner bisher im Blog vorgestellten Bücher, die ich oben in den Tab-Reitern verlinkt habe. Beim Erstellen stellte ich fest, dass es Anfangsbuchstaben gibt, die darin noch nicht vertreten sind und suchte gezielt danach. Das X online zu finden, war gar nicht so leicht - aber immerhin habe ich eine in der elitären Literaturkennerwelt gehypte mögliche spätere Nobelpreisträgerin dabei ausgegraben 😆 

Wenn sie ihn wirklich gewinnt … war ich immerhin eine der frühen „Kennerinnen“ *harhar* - ging mir aber bei der koreanischen Nobelpreisträgerin Han Kang mit „Die Vegetarierin“ auch so: hatte ich schon vorher gelesen ohne auch nur den Nobelpreisverdacht zu ahnen. Als ich dann im Radio hörte, dass eine Koreanerin den bekommen hat, sagte ich spontan zum im Auto neben mir sitzenden  Gatten: „Waaahaa - das ist garantiert die mit diesen ziemlich kranken Phantasien, von der ich dir neulich erzählt habe!“ … was der nächste Radiomoderatorensatz bestätigte. Ist auch ziemlich skurril-abgedreht - aber nicht annähernd so wie „Das Schattenvolk“ von Can Xue.

Geständnis zum Schluss: die letzten Texte habe ich dann auch nur noch überflogen. So im drüberhuschen Bausteine aufgeschnappt und immer nur mal kurz wieder eingestippt … dachte mir: „Wenn die Autorin so zerrupft schreiben kann ohne Zusammenhänge, dann kann ich ihr Buch auch so lesen“ 




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