lizzyliest
Sonntag, 15. Februar 2026
Tankred Lerch, Es muss wie ein Unfall aussehen
Montag, 9. Februar 2026
Sven Regener, Zwischen Depression und Witzelsucht
- ISBN: 978-3-86971-310-6, 96 Seiten
- “Heute wurde ich von deinem Lachen geweckt!”
- Nicht vorwurfsvoll sagte es der beste Ehemann, sondern eher neugierig, was wohl seine ansonsten doch eher als tendenziell humorlos bekannte Gattin - also mich - am frühen Morgen eine Etage unter ihm in der Küche beim Kaffee sitzend, so schallend hat auflachen lassen.
- Ein recht kurzes Büchlein mit einem Essay bzw. einer fachlich-theoretischen Abhandlung war es. Eigentlich ein Vorlesungsmanuskript, in dem Sven Regener das Wesen des Humors bzw. der sehr unterschiedlichen Arten von Humor in der Literatur zu ergründen und vorzustellen sucht.
- Am liebsten würde ich gleich die Hälfte des Textes zitieren vor lauter Begeisterung darüber, wie präzise, sachlich und fachlich sauber das Thema angegangen wird und bei alledem unterhaltsam bleibt (die Stelle, die mich am heutigen Morgen laut hat auflachen lassen .. hebe ich mir für eine spätere - vermutlich sehr viel spätere … Vorstellung eines anderen Buches vom Autoren auf. Bisher kenne ich noch keines - aber nun ist “Herr Lehmann” auf meiner Leseliste gelandet).
- Ich belasse es bei diesem einen Zitat (wer mag, kann ja die oben verlinkten Besprechungen anklicken ;)
- “Humor ist sowieso beliebt. Niemand will einer sein, der keinen hat.Wer als humorlos gilt, hat schon verloren. Humor gilt als etwas Gutes. Anders der Witz. Bei Witzen unterschiedet man gerne zwischen gut und schlecht, geistreich und primitiv, verletzend und harmlos. Humorlosigkeit lässt sich kein Autor gerne unterstellen, witzig wollen aber die wenigsten sein. Für mich liegt darin ein Widerspruch.”
Sonntag, 8. Februar 2026
Ellen Berg, Du mich auch
Nun … was soll ich schreiben … es ist: Unterhaltungsliteratur. Aber mal so richtig. Unterhalten wollen fast alle werden, die in ihrer Freizeit was lesen, nehme ich an. Die Ansprüche daran, was “gut unterhält”, unterscheiden sich hier und da.
Ellen Berg trifft offenbar mit ihrem Stil eine große Leserinnenschnittmenge, richtet sich vornehmlich an Frauen. Bedient Klischees am laufenden Band. Jenseits von irgendwelcher Praxis- oder Realitätsnähe werden diverse Phantasien bedient: Rachegelüste (hier schon Titelgebend massiv), sexuelle Phanstasien, Wünsche nach Ausstieg, Veränderung, neuem Leben. Feindbild ganz klar: Normalmänner. Für die sexuelle Triebbefriedigung müssen “Traummänner” her und auch diese aus der Klischeekiste gekramt: der smarte junge Mann im Arztkittel mit gelegentlichem Toy-Boy-Nebenjob, der italienische Koch und Restaurantbetreiber alter Schule, der intellektuell angehauchte Journalist mit Bodybuilder-Körper.
Es tut richtig weh, so plump wie Witze und Kalauer im Stil relativ simpel gestrickter Büttenreden daherkommen: gehässig, vorhersehbar und rücksichtslos gegenüber allen Männern, die der weiblichen Machtübernahme auf allen Sektoren im Wege stehen.
Mich hat’s beim Lesen ziemlich an Karsten Dusse und seine Krimis jenseits der Gesetzesmoral erinnert. Bisschen plumper noch, würde ich sagen. Andererseits war’s das Debüt von Ellen Berg, das ich gelesen habe. Danach folgen Bücher am laufenden Band, die sich offenbar alle recht gut verkaufen und verleihen.
Obwohl’s so gar nicht meinen eigenen Humor trifft und sich mir immer wieder vor Grausen die Nackenhaare kräuselten bei den stumpf-oberflächlichen Phantasien habe ich - aus Gründen, die sich in einem nächsten Post vermutlich erklären werden - zu Ende gelesen und werde wohl auch noch eins ihrer späteren Bücher irgendwann ausleihen um zu sehen, wohin der Leserinnenwunsch die Autorin führt bzw. geführt hat.
Denn davon gehe ich aus: dass hier eine, die das Schreiben durchaus kann, sich nach dem Verkaufstrend und aktuellen Leserinnen-Mehrheitsgeschmack im Segment “Frauenroman” richtet. Und das ist ja durchaus legitim. Oder ob sie irgendwann auch tiefere Ebenen zulässt … alles mögliche ist möglich.
🧞♀️
Mittwoch, 4. Februar 2026
Wolf Haas, Wackelkontakt
Die Idee ist - da haben alle sich vor Begeisterung überschlagenden Kritiker vollkommen Recht! - bisher einzigartig, witzig, sozusagen “kleinteilig” brillant. Mit geradezu korinthenkackerisch-pedantischer Ausführung.
Mir war schon an einer sehr frühen Stelle klar, wo das “entscheidende Mittelteil” sich versteckt hatte. Bzw. wusste ich, auf welchem noch geheimen Clou die Handlung basiert. Was aber normalerweise die Freude am Lesen eher mindert, hat sie mir hier erst richtig aufgebaut!
Sonntag, 1. Februar 2026
Thomas Melle: Haus zur Sonne
Nein, ich will nicht sterben, so durchfuhr es mich plötzlich und das erste Mal seit Jahren. Ich will doch leben! … Was ist das nur für ein Wahnsinn, ständig daran zu denken, sich umzubringen, wirklich ständig, und es doch nicht zu tun. Was für eine Verschwendung! Der Tod kommt doch eh irgendwann, er kommt, wenn er kommt. Ihn zu einer fixen Idee werden zu lassen, ist nur sinnlos und traurig und überdeckt alles andere. … Es war kurz befreiend, so zu denken. (S. 220)
Beim Lesen habe ich mir genau das - s. Zitat oben - ziemlich oft gedacht und irgendwie gehofft, dass der Protagonist zumindest zeitweise bis zu diesem Gedanken - wenn schon nicht zu Freude oder auch nur Zufriedenheit, Selbstakzeptanz oder gar Glücklichsein - finden kann. Der Autor ihn in dieser dessen reales Leben mit sehr packenden Fiktionen vermischenden Romanform dahin finden lässt.
Als es dann geschieht, ist es kaum noch eine Erleichterung weil so viel anderes, Schwere, Ausweglosigkeit die Herrschaft über sämtliche Funken der Hoffnung übernommen zu haben scheint. Oder doch nicht? Ganz klar wird’s nie ….
Der Roman beeindruckt ungeheuer und zieht lesend in den Sog aus Imaginationen und Verwischung von Fiktion und Realität. Sollte es überhaupt einen Unterschied geben … verliert sich die Übersicht, wo was stattfindet und woran es zu erkennen wäre.
Die Vorgängerbücher von Thomas Melle, die ebenfalls seine bipolare Krankheit in den Mittelpunkt stellen, kenne ich nicht. Ebenfalls kenne ich nicht - und bin nach der Lektüre nochmal sehr viel dankbarer dafür - diese Form der extremen Stimmungsumschwünge mit totalem Kontrollverlust. Tendenziell reinfühlen … klappt ganz gut. Aber auf so entscheidend niedrigerem Niveau - so im Bereich nicht zwingend behandlungsbedürftiger Zyklothymie, dass es eher sowas wie der Vergleich zwischen Dantes zweitem Höllenkreis und dem achten ist, in dem sich der Romanprotagonist befindet.
Die erste Hälfte im Flugzeug gelesen, stellte sich mir irgendwann die Frage, ob wohl jemand an Bord sitzt, der sich freuen würde, wenn das Teil abstürzt … Die zweite Hälfte dann auf einer Hotel-Sonnenterrasse in Fuerteventura, in einem sehr viel wörtlicheren Sonnenhaus also. Was die Gedankeninhalte nochmal um mehrere Stufen surrealer aber irgendwie durch den Winter-Wärme-Kontrast eingängiger erscheinen lässt. Wozu einen allumfassenden Sinn für irgendwas finden, wenn einfach nur die Sonne scheint?! Manchmal wirkt alles so einfach - und dann wieder eben gar nicht mehr. Und der Wechsel kann auch im Innen ruck-zuck stattfinden.
Der Selbstmord ist wohl eine Beleidigung allen Lebens, auch das der anderen, ist eine Infragestellung seines Werts, eine als nihilistisch empfundene Kränkung - so wird es von außen gesehen.
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Ich will mir keine Gewalt antun. Ich will nur weg sein.. Keiner hat mich gefragt, ob ich überhaupt da sein wollte. (S. 208)
Wer mehr als Leseprobe möchte, klicke HIER.
🌦️
Dienstag, 27. Januar 2026
Can Xue: Schattenvolk
Ich will nicht sagen, dass ich verstand, was sie sagte, denn das tat ich immer noch nicht. Eine fremdartige Sprache, in der jedes Wort verständlich schien, doch im Zusammenhang wusste man überhaupt nicht, wovon die Rede war. — Xue, Can. „Schattenvolk.“ Matthes & Seitz Berlin Verlag, 2024, p. 27
Freitag, 23. Januar 2026
Joël Broekaert: Die Weltgeschichte in zwölf Bohnen
Titel und Cover dieses auch inhaltlich ganz besonders entzückenden kleinen Buches haben mich sofort angesprungen. Und das nicht nur (aber auch ;) weil Hülsenfrüchte bei mir spätestens seit meiner Spanien-Vorliebe immer vielfältigeren Einzug in unsere heimische Küche gehalten haben.
„Dies ist ein Buch über Bohnen und Geschichte. Keine Geschichte der Bohne, sondern eine Weltgeschichte anhand von Bohnen. Und das ist gar nicht so weit hergeholt, wie es vielleicht auf den ersten Blick erscheinen mag.Essen ist eines der elementaren Bedürfnisse des Lebens. Sich mit Nahrung zu versorgen kann ein Grund dafür sein, umherzuziehen oder gerade die Entscheidung zu treffen, sich an einem Ort niederzulassen. Oder die Heimat ganz zu verlassen und auf neu entdeckten, unerforschten Kontinenten sein Heil zu suchen. Steht Ihre Lebensmittelversorgung oder die Ihrer Kinder infrage, ist dies ein Grund, sich zu streiten oder schlimmstenfalls Kriege zu führen.“ — Broekaert, Joël. „¬Die¬ Weltgeschichte in zwölf Bohnen.“ Diogenes Verlag AG, p. 4
„Von Lebensmitteln im Allgemeinen ist es nur noch ein kleiner Schritt zu Bohnen im Besonderen. Bohnen standen nie im Ruf, besonders sexy zu sein. Zu keiner Zeit. Ein bisschen natürlich, weil sie Blähungen verursachen (warum, können Sie in Kapitel 3 lesen). Vor allem aber, weil Bohnen seit Jahr und Tag als Armeleuteessen gelten. — Broekaert, Joël. „¬Die¬ Weltgeschichte in zwölf Bohnen.“ Diogenes Verlag AG, p. 5“
Jedes einzelne der Kapitel ein eigenes Highlight:
Dienstag, 20. Januar 2026
Kerri Andrews, Frauen, die wandern, sind nie allein
Auf dem Cover wird für ein „mitreißendes Portrait …“ geworben, wohingegen es mich persönlich eher weniger gerissen hat und ich das Tempo doch eher gemächlich bis sogar zäh fand. Jedenfalls, was das Lesen der meisten Wanderinnenportraits angeht.
Da wir beim Lesen viel über Martineaus Alltag als wandernde und intellektuelle Frau erfahren, entsteht eine große Nähe zur Autorin. Diese Nähe fördert sie, indem sie mit den Pronomen »wir«, »unser« und »uns« die Leserschaft in ihre Touren einbezieht. Wir lesen nicht nur einfach etwas über die Wanderungen dieser berühmten Schriftstellerin, sondern wir werden von ihr mitgenommen…: — Andrews, Kerri. „Frauen, die wandern, sind nie allein.“ Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, 2022, p. 122
Es werden Tagebücher und Passagen aus den literarischen Veröffentlichungen der zehn portraitierten Frauen durchgegangen - oft in für mich recht zähem Tempo. Praktische Aspekte des Wanderns und der Landschaft treten immer stärker in den Hintergrund. Man erfährt einiges über die Frauen - manches davon interessant - zu wenig für meinen Geschmack über die Wanderungen als solche. Wobei einige wirklich beeindruckende Beispiele vorhanden sind mit Distanzen, bei denen auch heutige Ultraläuferinnen noch staunen könnten.
Das „… sind nie allein“ im Titel ist nicht wörtlich sondern mehr im übertragenen Sinn zu verstehen, denn es wird gerade und besonders auf diejenigen Frauen fokussiert, die ohne Begleitung unterwegs sind. Wenn auch oft nicht ausschließlich.
Die auch plastischen Darstellungen der zeittypischen Vorurteile, Befürchtungen und Schwierigkeiten, denen insbesondere Frauen aufgrund ihrer Wanderlust unterworfen sind bzw damals noch stärker waren, werden klar und durchaus auch spannend herausgearbeitet.
Auch anderen Rezensenten erging es ähnlich wie mir: das tolle Cover samt interessantem Thema mit vielversprechenden Klappentexten und Rezensionsausschnitten ließen Erwartungen aufkommen, die nicht vollständig erfüllt wurden.
Viele als „typisch weiblich“ verortete „Selbstbetrachtungen“ und auch Besonderheiten in Wahrnehmung und Herangehensweise an Wanderungen werden herausgegriffen.
Es gab Stellen darin, die ich spannend fand und beeindruckend - insbesondere in den Zitaten. Außerdem hat mich das Buch neugierig werden lassen auf die schottischen Highlands und den WestCoastPath.
Donnerstag, 15. Januar 2026
D.H. Lawrence, Söhne und Liebhaber
- Oder: Muttersöhne und frühe Fehlprägungen (Hardcover)
Ein altes und immer auch aktuell bleibendes Thema: die Leid erzeugende weil zu starke und damit lebenserschwerende Mutterprägung oder kurz: die nur gerngfügig fiktionale Autobiographie eines „Muttersöhnchens“. Die häufig zur Fehlprägung der Söhne führenden elterlichen Ehe- und Familiendynamiken werden behandelt aber auch die daraus resultierenden Schwierigkeiten der Beziehungsversuche als Erwachsener durch zunächst Abspaltung und dann Auslagerung der Sexualität.Der nicht nur lange (incl. dem sehr interessanten Nachwort 761 Seiten) sondern streckenweise für heutige Leser langatmige Roman mit vielen auch anstrengenden Dialogen hat ordentlich Entschleunigungspotenzial 😎 Eine entsprechende Handlung und Thematik würde in aktuellen Büchern vermutlich auf max. einem Drittel der Seiten abgehandelt und naturbetrachtende Längen, seitenlange Dialoge und Beschreibungen von winzigen Nebenaspekten auf digital geprägte Aufmerksamkeitsspannen zurechtgekürzt.
Aber auch das hat mich gereizt: mich einzulassen. Die Ermüdungsphasen nicht durch Hoppen zu anderen Texten zu nutzen sondern für Denk- und Hintergründe-Leseeinheiten. Dazu, den Inhalten nachzurecherchieren. Mit vielen interessanten Erkenntnissen und Dazugewinnen über Leben und Hintergründe des auch lange im Münchner Raum gelebt habenden David Herbert Lawrence (nach dem Tod seiner Mutter ;).
Seinen nicht romangebundenen sondern anderweitig schriftlich verbürgten Einlassungen zum Roman „Sons and Lovers“ - der übrigens häufig zu den zehn bedeutendsten englischsprachigen Romanen des 20 Jahrhunderts gezählt wird.
Aus einer Notiz von D. H. Lawrence:
„Zwischen mir und meiner Mutter hat es eine Art Bindung gegeben. Wir haben einander geliebt, fast mit der Liebe von Mann und Frau, aber auch mit Sohnes- und Mutterliebe …. Es ist ziemlich schrecklich gewesen und hat mich in mancherlei Hinsicht abnormal gemacht.“
Sonntag, 28. Dezember 2025
Joachim Meyerhoff, „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“
Äußerst unterhaltsam schreibt Joachim Meyerhoff, gar keine Frage!
Und das auch über für mich persönlich eher als uninteressant abgespeicherte Lebenswelten und Themenbereiche mit gespreizt sprechenden Familienangehörigen aus großbürgerlichem Milieu, exaltierten Schauspiellehrern und einer alles andere als alltagsnahen Theater- und Filmwelt.
Diese in vielen Bereichen selbstironisch-autofiktionalen Erzählungen standen - was ich zu der Zeit gar nicht mitbekommen hatte - lange auf Bestsellerlisten und wurden entsprechend häufig rezensiert.
Daher beschränke ich mich auf die Feststellung: ich habe viel gelacht und werde irgendwann - mit Pause dazwischen - vermutlich nochmals bei der sechsbändigen Buchreihe zugreifen.
Dass der Titel ein Zitat aus Goethes „Werther“ ist, hatte ich nicht auf dem Schirm. Aber gefällt mir.
























