Mittwoch, 1. Juli 2026

Hape Kerkeling, Gebt mir etwas Zeit

Piper Verlag, München 2024
ISBN 9783492058001
Gebunden, 368 Seiten
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KLAPPENTEXT


In seinem neuen Buch setzt Hape Kerkeling nicht nur entscheidende Etappen seines Lebens fort, sondern taucht tief in die bewegte Geschichte seiner Vorfahren ein. Berührend und mit unvergleichlichem Sinn für Komik erzählt er von seiner Kindheit in den Siebzigern und den Glanzzeiten der TV-Unterhaltung, von Liebe, Vorsehung und dem Goldenen Zeitalter der Niederlande. Er führt in die Anfänge seiner Fernsehkarriere und folgt den Spuren der Kerckrings zurück bis ins blühende Amsterdam des 17. Jahrhunderts. Verwebt dabei lustvoll Erinnerungen mit Recherchen, eigenes Erleben mit Historie und Ahnenforschung. Und kommt schließlich auch hinter ein unglaubliches Geheimnis, das seine geliebte Großmutter Bertha zeit ihres Lebens umgab.
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Schreiben und sein Publikum unterhalten hat er eindeutig drauf, der Herr Hape Kerkeling mit royalen Wurzeln. Wobei seine früheren Comedy-Figuren mich nicht oder nur selten sonderlich amüsieren konnten. Die Bücher aber durchaus und sein aktueller Kinofilm „Extrawurst“ tat es ebenfalls ganz hervorragend.

Dieses Buch „Gebt mir etwas Zeit“  - und darum soll es hier ja gehen - verfolgt in der Hauptsache zwei Stränge: die Phase Hape Kerkelings erster großen Liebe bis zum Tod des Partners durch AIDS und als zweiter Strang - oder eigentlich erster (meine persönlichen Präferenzen hätten die Reihenfolge umgekehrt eingeordnet) wird der durchaus verwickelte Stammbaum der Familie Kerkeling  weit zurückverfolgt auf eine unterhaltsame, geradezu kriminalistische Art, bei der biographische Fakten mit auch fiktiv verwobenen Erzählungsfragmenten (nicht, was die Biographie angeht sondern immer nur, wenn Personen in Szenen eingebaut sind) zu einem stimmigen Ganzen komponiert werden. Immer ist klar ersichtlich, wo den historischen Figuren fiktive Handlungsphantasien szenisch zugeschrieben werden.

Persönlich kamen mir einige der wappenlastig-adelsbetonten Genauigkeiten langatmig und überfliegbar vor; andere Leser sehen genau das möglicherweise auch anders und es schmälert das lustvolle Lesevergnügen nicht.

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Sonntag, 28. Juni 2026

Sunil Mann, Ziemlich beste Verbrecher

Für mich ein ziemlich schlechter Krimi. Die mühsam konstruierte weder spannende noch für mein Empfinden witzige Handlung (einige der Rezensionen sehen das anders) mühsamst aus kaum  zusammenpassenden Bruchstücken zusammenkonstruiert. Vom Himmel fallende Wendungen und Personen noch im letzten Drittel zum Teil aus Not irgendwie auch noch in die anstrengenden Längen der Handlung reingequetscht. Unglaubwürdige Personenschablonen mit noch unglaubwürdigeren nicht enden wollenden Dialogen. Oft ohne Belang.

Tatsächlich habe ich einige Male abgebrochen und bin dann zumindest überfliegend mehrmals wieder eingestiegen und bis zum reichlich offenen Handlungsende durchgezogen. Vielleicht in der Hoffnung, doch noch auf den in anderen Rezensionen bzw. im Klappentext versprochenen „Humor mit Tiefgang“ zu treffen? Oder weil der Schweizer Autor an anderer Stelle sympathisch rüberkommt? Wie auch immer … ich möchte eher nix mehr von ihm lesen.

🫆


Montag, 22. Juni 2026

Bonnie Garmus, Eine Frage der Chemie

Piper Verlag, München 2022

ISBN 9783492071093

Gebunden, 464 Seiten

Eine passende Lektüre auf dem Weg zum 45sten Abitreffen für eine, die damals immerhin Chemie-Leistungskurs hatte. Wenn auch mit deutlich weniger Talent im und anhaltende Begeisterung für das Fach als die fiktive und dabei sehr lebensnah  geschilderte taffe  Hauptprotagonistin des Buches. 

Die Rezensionen überwiegend sehr positiv und es stand für eine Weile auf der SPIEGEL-Bestsellerliste auf Platz 1. Unterhaltungsroman mit auch mutig angegangenen Themenfeldern. In der Bilanz trotz - wie könnte es bei  mir anders sein ;-) - für mich persönlich kleiner Einschränkungen (die aber vermutlich genau das ausmachen, was die große Leserschaft anzog) eine unterhaltsame Lektüre.

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Dienstag, 16. Juni 2026

Abgebrochene Bücher 2026

Nachdem ich in den letzten Tagen gleich zwei Bücher irgendwo in der ersten Hälfte abgebrochen habe, habe ich mich entschlossen, sie zur besseren Merkbarkeit in einer Sammelliste, die dann jeweils von unten nach oben aktualisiert wird, zu notieren und dadurch hier auch samt Abbruchgrund vorzuzeigen. Sonst kann ich mir gerade diese AutorInnen gar nicht merken. 

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    Ich habe mittig - sogar erst etwas später - abgebrochen weil irgendwie nicht mein Ding. Und spätestens auf Hälfte drehte es sich für mich im Kreis. Diverse Fragezeichen entstanden. 

    Vielleicht bin ich selber ein einziger blinder Fleck denn das Buch hatte recht gute Kritiken. Wo es mir zuerst über den Weg gelaufen ist, daran erinnere ich mich nicht. Einige Stichwörter - wie z. B. die „emotionale Heimatlosigkeit“ sprachen mich an. Die Inhalte dann nicht mehr.

    Bisschen verblüfft hat mich auch, dass im Vorstellungsvideo für das Buch (siehe Link im Titel) hauptsächlich von Essstörungen als Hauptmotiv die Rede ist. Im Buch war es das nicht, im Klappentext taucht es nicht auf  und wie gesagt war ich schon über Mitte. Die wurden höchstens als mögliches Beispiel für den Anwendungsfall mit aufgezählt. Ist auch nicht meine Baustelle.

    Weil aber bekanntlich nicht nur Geschmäcker sondern auch gewinnbringende Methoden von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sind, möchte ich nicht ausschließen sondern gehe sogar davon aus, dass andere davon auch profitieren können.

    Zumindest halte ich es für angeraten und hilfreich für die meisten Menschen, sich auch mal mit ihrer Psyche und dem geistigen Leben und Befinden zu befassen. Auf welchen Wegen und mit welchen Methoden auch immer. Insofern gut meiner Meinung nach, dass in dieser Hinsicht viel Anregung und Möglichkeit geboten wird und auch kein Tabu mehr in diesen Persönlichkeitsfragen besteht. Oder doch?

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    Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2025
    ISBN 9783737102377
    Gebunden, 224 Seiten

    Sehr wisschaftstheoretisch und sperrig zu lesen. Dadurch kam ich kaum dazu, den Inhalt (die Stoiker finde ich ein interessantes Thema) überhaupt aufzunehmen weil mein Hirn sich schlicht weigerte, die vor Trockenheit nur so staubende germanistisch-soziologische Altmännersprache (fand ich irgendwie - und alle gefundenen Rezensionen sind von Männern) mitzugehen. Es stieg nach jedem gelesenen Satz neu und entschiedener aus. Wird wohl nix mehr mit einem Studium im Alter. Ein Glück! Nicht viel liegt mir ferner. Tauge eher nicht als Bewohnerin eines Elfenbeinturms.

    Bin aber zuversichtlich, dass meine restliche Lebensführung dennoch halbwegs zufriedenstellend gelingen wird 😊


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    Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2025

    ISBN 9783608966886
    Gebunden, 192 Seiten

    Dieses - wie es NDR Kultur nennt - Psychodrama bzw. Duell ums Überleben hat es aus irgendwelchen mir selber nicht ganz klaren Gründen nicht geschafft, mich zu fesseln. Obwohl es mir im Grunde auch in keiner Weise sonderlich negativ aufgestoßen ist.
    Es war schlicht - als Ausleihe der Stadtbibliothek schon in Maximalverlängerung - nie Hauptdarsteller. Mehrfach reingelesen, in Stückelungen bis ca. 1/4 gekommen, immer wieder reindenken müssen, von anderem Lesestoff überflügelt worden, ist nun die maximale Ausleihdauer erreicht und es muss morgen zurückgegeben werden.
    Habe ich schnell noch punktuell reingelesen, ob es die Mühe wert ist, direkt nach Rückgabe um Neuausleihe anzuklopfen. Aber auch die zufällig angelesenen Seiten im hinteren Teil vermochten nicht, mich davon zu überzeugen.



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      Erscheinungsdatum:13.05.2025
      ISBN:9783499017407
      Umfang:384 Seiten
      Verlag:ROWOHLT

      Der Covertext klang vielversprechend. Und vermutlich taten auch das Coverbild samt Label „SPIEGEL Bestseller“ ihre subtile Wirkung des Köderns.

      Leider hielt es für mich nicht, was ich mir davon versprochen hatte. Selbst wenn man liest und auch glauben mag, dass es sich beim Gelesenen um sehr emotionale Ereignisse gehandelt hat, kommt das beim Lesen  nicht oder kaum rüber. 

      Hinzu kommt, dass ich die Musikerin weder als Bandleaderin der Gruppe „Jennifer Rostock“ noch als Solokünstlerin „Yaenniver“  kannte und mich ihr Werdegang als solche nicht fesseln konnte. Sie betont es mehrfach, wie sehr die Bühne „ihr Ding“ ist. Mag sein. Kann ich nicht beurteilen. Das Schreiben ist es meiner Meinung nach eher nicht. Und ich neige nicht zum Groupie. Habe nach ca. 150 Seiten abgebrochen.


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      Irgendein Rezensent hat geschrieben, es handele sich bei Paul Bokowski um den lustigsten Autoren Berlins. Da ich sonst keine lustigen Berliner Autoren kenne, kann ich das nicht wirklich beurteilen aber mein Humor wurde nicht wirklich getroffen.

      Mag auch sein, dass es ein bisschen daran liegt, dass seine Geschichten sich schlicht durch die Jahre, die seit dem Erscheinen des Buches sind, überlebt haben. Witze über Mütter und andere ältere Leute, die *oh Schreck* plötzlich im Internet auftauchen, mögen einige noch vor einem Dutzend Jahren lustig gefunden haben; inzwischen ist es einfach nur noch „Fragezeichen“?


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      Auch hier gilt: vermutlich reine Geschmackssache. Ich würde nie behaupten, dass irgendwas schlecht geschrieben wäre an den Geschichten. Vielleicht taugte mir auch in erster Linie das Hörbuch-Format nicht. Jedenfalls stellte ich irgendwann fest, dass ich mich beim Zuhören über die Inhalte langweile, ich die Episoden völlig belanglos finde. Oder sogar in ihrer Denkrichtung bzw. den Handlungsmustern nervig. 

      Es sind Geschichten aus dem Leben der Autorin, in denen sich ein sehr unterschiedliches Denken, eine andere Herangehensweise etc. zeigt als ich sie selber habe oder in vergleichbaren Situationen haben würde. Was ansich auch interessant oder sogar das Interessante an Geschichten sein könnte: das Andere. In diesem Fall hat‘s mich aber nicht gepackt und ich so ca. nach dem ersten Drittel aufgehört.

      Immerhin war ich neugierig genug, mich auf der Webseite der Onleihe einzuloggen (was ich so gut wie nie tue), nur um nachzusehen, auf wie vielen Bewertungen die dortige fünf-Sterne-Bewertung basiert. Was man in der App nicht nachschauen kann, auf der Webseite aber schon. Es war exakt eine Bewertung ;)


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        Samstag, 13. Juni 2026

        Jean Hanff Korelitz, Die Nachzüglerin

        Karl Blessing Verlag, München 2024
        ISBN 9783896677655
        Gebunden, 496 Seiten

        Großartige Sprachgemälde mit mehr als einem doppelten Boden enthält dieses Familienepos einer hochgradig dysfunktionalen New Yorker Familie. 

        Ein „ich sollte schlafen aber muss weiterlesen“-Roman.

        KLAPPENTEXT:


        Aus dem Amerikanischen von Sabine Lohmann. 
        Von außen gesehen ist das Leben der wohlhabenden Familie Oppenheimer aus New York City eine Erfolgsgeschichte. Doch die Ehe von Salo und Johanna ist distanziert und von einem Unglück überschattet. Auch ihre Drillinge spüren keinerlei familiäre Bindung und können es kaum erwarten, einander zu entkommen. Als Harrison, Lewyn und Sally aufs College gehen, trifft Johanna die einsame Entscheidung, ein viertes Kind zu bekommen: die letzte, vor siebzehn Jahren eingefrorene Eizelle. Welche Rolle wird diese Nachzüglerin in der zerrissenen Familie spielen?


        „Endlich, endlich blitzte ein kleiner Funke Realität durch das Kraftfeld ihrer störrischen Selbsttäuschung und bescherte ihr den ersten Anflug einer Erkenntnis: dass sie zwei Erwachsene plus drei gleichzeitig entstandene Kinder waren. Fünf Menschen unter einem Dach. Aber keine Familie. Und ihr Mann, dem sie während all der Jahre längst nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt hatte, war ihnen allen unbemerkt entschlüpft und verschwunden. Nicht im physischen Sinne, obwohl sein physisches Selbst jeden Abend etwas später von der Arbeit heimkam, nach immer längeren Aufenthalten in dem Lagerhaus in Coney Island oder Red Bank oder wo immer es auch sein mochte – aber sein aufmerksames, zugewandtes, sein eigentliches Selbst, das wohnte mittlerweile ganz woanders.“ — Korelitz, Jean Hanff. „¬Die¬ Nachzüglerin.“ Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, p. 71


        🗽

        Dienstag, 9. Juni 2026

        Prof. Dr. rer. nat. Martin Smollich, Der Nährstoff Kompass

        2025 2., aktualisierte Auflage
        Gräfe und Unzer (Verlag)
        978-3-8338-9351-3 (ISBN)
        384  Seiten

        Nachdem vermutlich inzwischen jedem, der wegen was auch immer auf welchen Plattformen auch immer im Internet unterwegs ist, eine schier unfassbare Flut das ewige Leben oder zumindest die perfekte Gesundheit versprechende Wundermittel angepriesen werden, bei mir das Alter und die Zipperlein gekommen sind, hier und da auch ein klitzekleinesbisschen anfällig für das Eine oder das Andere zu werden, lachte mich dieses Buch mit dem Versprechen an, alles sachlich, umfassend und ohne Geschäftsinteresse wissenschaftlich zu beleuchten.

        Kein Buch, das man Wort für Wort lesen würde oder könnte weil nun wirklich niemand zu allen auch spezifisch ausführlich dargestellten Zielgruppen gehören kann. Und es Dinge gibt, bei denen ich nun wirklich nie in Versuchung käme, sie auszuprobieren. Vieles auch, von dem ich niemals je gehört oder auch nur geglaubt hätte, dass es sowas gibt. Neben den Mikros und Makros, die wohl jeder kennt, auch jede Menge völlig abgefahrener Scheiß. Kaufen Menschen das echt?


        Auch wenn ich hier und da gerne ein „Ja, aber …“ eingeworfen oder Rückfragen gestellt hätte, bietet es insgesamt viele interessante, aufschlussreiche und streckenweise neue Infos. Weiterer Effekt: als eine, die jahrzehntelang konsequente NEM-Verächterin war, in der sehr gesundheitswackeligen Nach-Corona-Phase aber ins Wanken kam und das eine oder andere kleine Supplement kaufte und nun - wenn auch nicht wirklich regelmäßig und konsequent - gelegentlich einwirft … tendiere ich zum „zurück zu den Wurzeln“ oder anders ausgedrückt: alles in die Tonne?

        Die Kapitelübersicht:


        💊



        Samstag, 6. Juni 2026

        Elif Shafak, Am Himmel die Flüsse

        Carl Hanser Verlag, München 2024
        ISBN 9783446280083
        Gebunden, 592 Seiten

        Elif  Şafak, eine Schriftstellerin mit beeindruckender multikultureller Biographie, hat mit diesem Roman ein wahrhaft epochales Werk geschrieben. Nicht nur, weil es in mehreren Epochen spielt und diese zu einer Gesamthandlung voller Weisheit und Tiefe verwebt. Sondern in erster Linie aufgrund seiner episch-poetischen Sprache.

        Mein Herz hat mich zu diesem Roman geführt. Dieser Roman ist meine Liebeserklärung an Flüsse — diejenigen, die noch voller Leben sind, und diejenigen, die es längst nicht mehr gibt. — Shafak, Elif. „Am Himmel die Flüsse.“ Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 2024, p. 564


        Unfassbar viele Wissensgebiete von (Kunst-)Geschichte über Volkerkunde, diverse naturwissenschaftliche Streifzüge bis hin zu aktuellen politischen Themen in beachtlicher Tiefe recherchiert finden sich. Für mich am berührendsten der Kreislauf des Wassers - Hydrologie - mit so ziemlich allem, was im Bereich der Wasserkunde wissenswert ist. Auch die handelnden Personen sind - obwohl fiktiv - an jeweils akribisch recherchierte historische Personen eng angelehnt. Die Handlungen streckenweise auch grausam. So hart und kaum auszuhalten, dass sie nur der Realtät entnommen sein können.

        Aufgrund seiner beachtlichen Seitenzahl sollte man das Buch vielleicht eher  nicht - wie ich es getan habe - in berufstätigen und anderweitig unterbrechenden Zeiten in Angriff nehmen sondern es als für eine lange Auszeit extrem zum in-eine-andere-Welt-Gleiten geeignet bis dahin aufheben. 

        🌦️ 💧 🌊


        Montag, 25. Mai 2026

        Natascha Wodin, Die Späten Tage

        Rowohlt Verlag, Hamburg 2025
        ISBN 9783498003340
        Gebunden, 288 Seiten, 24,00 EUR

        „Immerhin habe ich inzwischen begriffen, dass Liebe nicht einfach ein schönes Gefühl ist, sondern die wahrscheinlich größte Herausforderung, die es im Leben gibt. Es geht darum, einen Menschen mit allem zu lieben, was er ist, auch und vor allem mit dem, was  man an ihm nicht liebt, mit seinen Dummheiten, seinen blinden Flecken, seinen Schwächen und Hässlichkeiten, mit dem Zweiten, den er in sich trägt, seinem Schatten……. Man muss immer wieder versuchen, das Unannehmbare an ihm anzunehmen, gerade das, sonst ist es keine Liebe, sondern nur Spaß.“

        Es ist ein schonungslos offenes Buch der Autorin Natascha Wodin, die - wie man im Buch erfährt - eigentlich Natalja Wdowina heißt oder heißen würde weil schon der Name oder die Namensoptionen viel von dem erzählen, was ihr Leben in gewisser Weise heimatlos macht. Ein in vielen Teilen erstaunliches Leben, wobei in diesem autobiographischen Werk das Thema der späten, unerwarteten und in gewisser Weise auch zunächst ungewollten und ungeliebten Liebe behandelt. 

        Anfangs fiel mir das Ankommen in der auch bruchstückhaft geschilderten Handlung, den Gedanken und Abschweifungen etwas schwer, was sich dann aber in ein tiefes Mitgehen, Mit- aber auch Eigendenken und -fühlen verwandelte. Oft fand ich in den Gedanken und Schilderungen eine gewissermaßen fremde Welt mit der Erkenntnis, dass letztlich alle Eigenwelten im Alter immer klarer auf dasselbe Ende - den Tod - zusteuern. Auch davon handelt das Buch. 

        „Manchmal hätte ich lieber keinen Zeugen meines Verfalls. Es ist unanständig und obszön, einen anderen Tag für Tag an diesem Prozess teilhaben zu lassen, ihn nolens volens zum Mitwisser all der widerwärtigen unappetitlichen Details des Alters zu machen, die im alltäglichen Miteinander nicht verborgen bleiben.“

        🏚️ 🥀

        Sonntag, 17. Mai 2026

        Beatriz Serrano, Geht so

        Erscheinungsdatum: 28.03.2025 Eichborn Verlag
        Aus dem Spanischen von Christiane Quandt.
        ISBN: 978-3-8479-0212-6  -  240 Seiten

        „Büro spielen ist easy, wenn man weiß, wie. Arbeit ist einfach nur eine Rolle, die man spielen muss. Ich beherrsche diese Rolle perfekt: Ich kenne die witzigen Geschichtchen, die immer funktionieren, um das Eis zu brechen. Ich weiß, was ich fragen muss, um aufmerksam und interessiert zu wirken. Und ich weiß, was ich sagen muss, damit die Zeit schneller vergeht, ohne dass irgendjemand bis sechs Uhr abends tatsächlich irgendwas Sinnvolles tut. — Serrano, Beatriz. „Geht so.“ Eichborn, 2025-02-11, p. 14

        Gibt es Bürojobs, in denen man dieses „Bullshit-Dasein“ nicht zumindest streckenweise am eigenen Leib erfahren muss? Ich jedenfalls wusste fast durchgängig recht gut, wovon die Rede ist in Beatriz Serranos bissig-zynisch-verzweifeltem Roman über die (nicht durchgängig funktionierenden) Überlebensstrategien vor allem im unteren bis mittleren Management einer Illusionen verkaufenden Firma im digitalen Zeitalter. Wobei die Business-Inhalte sicherlich austauschbar sind. 

        Wie gut dass ich - zumindest bilde ich mir das ein - schonendere Lösungsstrategien entwickelt habe im Laufe des Berufsdaseins. Bin glücklicherweise immerhin noch lebendig, im Besitz sämtlicher Finger und beinahe schon durch ✌️

        „Als Ramón, mein Chef, mich fragt, woran ich gerade arbeite, bin ich eigentlich viel zu erschöpft zum Antworten, aber ich gebe mir einen Ruck. Ich spiele die Rolle, bete meine aktuellen Aufgaben runter, tue so, als hätte ich viel mehr Arbeit, als ich tatsächlich habe, wie wir es alle tun. So versuche ich zu verhindern, dass mir jemand eine Aufgabe aufhalst, die mich wiederum daran hindern könnte, im Büro meine YouTube-Videos zu schauen. Mein Vorgesetzter scheint zufrieden. Ein weiterer Tag, an dem ich das System verarsche. Das Bürospiel besteht eigentlich nur daraus, sich richtig ausdrücken zu können, wenn man dran ist. Man muss im richtigen Moment »eine Excel-Tabelle erstellen« oder »eine Präsentation vorbereiten«, als wäre das vergleichbar mit einer Operation am offenen Herzen. Oder man schmückt eine Erklärung mit derart vielen langweiligen Details aus, dass alle den Faden verlieren und am Ende niemand weiter nachfragt“ — Serrano, Beatriz. „Geht so.“ Eichborn, 2025-02-11, p. 50


        🖇️🏢💊

        Dienstag, 12. Mai 2026

        Ben Shattuck, Eine Geschichte der Sehnsucht

         Ben Shattuck, Eine Geschichte der Sehnsucht (eBook)


        Carl Hanser Verlag, München 2026
        ISBN 9783446286504
        Gebunden, 80 Seiten, 



        Mehr eine Kurzgeschichte als ein Roman. Bzw. zwei kurze, ineinander verwobene und eine Art Kreislauf bildende Geschichten aus unterschiedlichen Zeiten.

        Poetisch, warmherzig, ein bisschen melancholisch und auf alle Fälle anrührend. 


        👨🏼‍🎨 🐦‍⬛ 🎨