S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2023
256 Seiten
Aber Friedrich selbst verachtet das zu gebildete Reden über Kunst, der Kopf dürfe nie wichtiger werden als das Herz, sagt er: »Willst Du wissen, was Schönheit sei? Befrage die Herren Ästheten, beim Teetisch kann’s Dir nützlich werden, aber vor der Staffelei nicht, da musst Du fühlen, was schön ist.« — Illies, Florian. „Zauber der Stille.“ FISCHER E-Books, p. 142
Dieses im Plauder- und Anekdotenstil geschriebene Sachbuch bringt Lesenden nicht nur den Maler Caspar David Friedrich näher sondern auch seine künstlerischen und politischen Zeitgenossen. Schriftsteller - das jahrelange Geplänkel zwischen ihm und Goethe hat mich maximal amüsiert - Fürsten, Zaren in all ihrer Verwobenheit miteinander. Doch nicht nur die konkrete Zeit des Malers wird mit all ihren insbesondere menschlichen Anekdoten erzählt sondern auch der Weg seiner Bilder durch die Zeiten bis heute an Geschichte(n) über und um sie herum verknüpft. Und da gibt es so einige!
Nazizeit, 68er, russischer Sozialismus … immer wieder polarisierten die Gemälde und wurden zum Thema. Wieder war es ein Buch, das mich zum nebenher Querlesen geradezu herausforderte mit interessanten Funden zu Autor, Landschaften, historischen Figuren … und vielem mehr … die auch bei mir Verbindungen - völlig zufällige - zu früher gelesenem erbrachte. Ein Video bei Youtube z. B. von einer früheren Harald-Schmidt-Show-Ausgabe, in der Florian Illies als Gast geladen ist (Verbindung hier: Tankred Lerch, dessen Buch ich kürzlich gelesen habe, hat jahrelang für die Show geschrieben):
Wirklich beklemmend aber wird die Geschichte, wenn wir noch einmal auf jenen Herrn mit Hut blicken, der das Bild der Nationalgalerie 1937 verkauft hat. Martin Brunn nämlich ist Jude, und der »Watzmann« Friedrichs hat über viele Jahre in jenem Raum in seiner Wohnung gehangen, der für die geheimen Treffen seiner jüdischen Gemeinde in Wilmersdorf genutzt worden ist. Nun braucht Brunn Geld für die Emigration seiner Familie. Natürlich hat Hanfstaengl das dem Führer verschwiegen. Ja, Hanfstaengl hat dem jüdischen Besitzer nicht nur einen fairen Preis zu bezahlen versucht, obwohl der gar nicht gewusst hat, welchen Schatz er bei sich in der Wohnung gehabt hat, sondern er hat im selben Jahr, als der »Watzmann« in der Nationalgalerie aufgehängt wird, auch protestiert, dass die Expressionisten als »Entartete Kunst« abgehängt werden. So wird er schon am 26. Juli, also ein halbes Jahr nach dem Ankauf, entlassen – vielleicht auch, weil inzwischen ruchbar geworden ist, dass für den »Watzmann«, mit dem Friedrich nun als größter Meister der »nordischen Rasse« gefeiert wird, Hitlers Geld an einen Juden gegangen ist. Sobald der jüdische Glaube des Besitzers bekannt wird, sperrt der Staat das Geld der Familie Brunn, unter anderem und perfiderweise als sogenannte »Judenvermögensabgabe«. Aber womöglich können mit Teilen des Verkaufserlöses die Kinder der Brunns 1938 doch nach England emigrieren, und 1941 gelingt es sogar den Eltern. — Illies, Florian. „Zauber der Stille.“ FISCHER E-Books, p. 104
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