Freitag, 6. März 2026

Alex Capus, Susanna


Carl Hanser Verlag, München 2022

ISBN 9783446273962

Gebunden, 288 Seiten

Ungewöhnliche Methoden der Lesestoffauswahl sollte ich unbedingt beibehalten (in diesem Fall wurde die C-Lücke in der Autorenliste gefüllt)

Sonst hätte ich mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit niemals diesen auf der Biographie der Malerin und Bürgerrechtlerin Caroline Weldon (bürgerlicher Name: Susanna Caroline Faesch, geb. 1844 in Basel) basierenden Roman ausgewählt und gelesen.

Er ist historisch akribisch recherchiert und lässt dabei Figuren auf sehr feinfühlig-individuelle Art und in schöner Sprache  zu einem auch unterhaltsamen Roman auferstehen, der wie ein Film in vorfilmischen Zeiten bilder- und emotionsgeladen beim Lesen im Kopf entsteht und uneingeschränkt mitnimmt. Perspektiven wechseln und sind auch oft überraschend. Genau wie die Schwerpunktsetzungen zu unterschiedlichen Zeiten und in teils sehr voneinander abweichenden Situationen, so dass eine Person und ein Leben gelegentlich aussieht und sich anfühlt wie mehrere unterschiedliche. Auch die „Nebenfiguren“ bilden eigene diverse Persönlichkeiten und vielschichtige Figuren aus. Ganz aus dem Leben gegriffen eben ;)

Dass auch hier und da historisches Wissen vermittelt wird, passiert so nebenbei … wobei bei mir ein alter Gedanke neu aufflackerte: „Vielleicht doch mal New York durchstreifen  …?“ 


„Karl Valentinys irdische Existenz hatte siebenunddreißig Jahre und sechs Tage gedauert. Hätte er in den letzten Stunden seines Lebens eine Vorahnung gehabt, hätte er wahrscheinlich Bilanz gezogen. War all das die Mühe wert gewesen? War es die Anstrengung wert gewesen, Medizin zu studieren und als Soldat nach Afrika zu gehen? Aus der Heimat zu flüchten und über den Ozean zu fahren? Hatte es sich gelohnt, eine gesicherte Existenz als Hausarzt in Dortmund aufzugeben, um eine gesicherte Existenz als Hausarzt in Brooklyn zu führen? War es die Aufregung wert gewesen, die Frau eines anderen Mannes zu heiraten und deren Tochter als seine eigene großzuziehen? Und dass er über tausend Stunden Zola gelesen hatte - würde das noch von Bedeutung sein, nachdem sein Hirn und sein Herz zu Staub zerfallen waren? Würde überhaupt irgendetwas noch irgendwas bedeuten? Hätte er versuchen sollen, während der Zeit, die ihm gegeben war, Einfluss zu nehmen auf den Lauf der großen Dinge der Welt? ….. 
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Hätte er auf irgendeinem Gebiet etwas Großes bewirken können? Hätte er es in der Hand, in seinem Herzen, im Kopf gehabt? Falls nein: Hötte er es trotzdem versuchen sollen?
Man kann annehmen, dass Valentiny sich spätestens an dieser Stelle mit einem nachsichtigen Lächeln zur Ordnung gerufen hätte. Wer war er denn, eine Krämerseele? Ein Buchhalter? Ein Erbsenzähler? Er war zur Welt gekommen, und er hatte gelebt. Über‘s Ganze gesehen war‘s doch recht angenehm gewesen. Jetzt war es für ihn vorbei. Für die anderen würde es weitergehen. Alles in Ordnung.“ 

„Valentinys Grab in Brooklyn Heights ist heute noch zu besichtigen. Es liegt im Green-Wood Cementery in Sektor 41 und trägt die Nummer 13387. Im Winter hat man zwischen kahlen Bäumen hindurch einen schönen Ausblick über den East River nach Manhattan.“ (S. 180f)

🇨🇭 🪶 🗽


Mittwoch, 4. März 2026

Melara Mvogdobo, Großmütter

© 2025 by : TRANSIT Buchverlag

ISBN 9783887474164

Gebunden, 128 Seiten,

So kurz er ist,  so schmerzhaft zu lesen ist dieser Roman der Schweizer Autorin Melara Mvogdobo,. Es wurde 2025 für den Schweizer Buchpreis nominiert und vielfach rezensiert. In vielen Teilen der Welt handelte es sich früher und handelt es sich auch heute noch um „zwei ganz normale Frauenschicksale“.  

Ich konnte keine Zwischenpause beim Lesen machen und musste es in einem Rutsch zu Ende lesen. Sehr packend und eindringlich!

Klappentext:

Dieser Roman handelt von zwei Großmüttern, die eine aus einer armen Schweizer Bauernfamilie, die andere aus einer relativ wohlhabenden Familie in Kamerun. Es geht um deren Kindheit, Hoffnungen und Enttäuschungen. Sie heiraten, werden gedemütigt und entwürdigt. Aber durch diese Erfahrungen staut sich eine gewaltige Wut auf, die schließlich, auch mit Hilfe der jeweiligen Enkeltöchter, zu ihrer Befreiung führt.

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Freitag, 27. Februar 2026

Florian Illies, Zauber der Stille


S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2023

ISBN 9783103972528
256 Seiten

Aber Friedrich selbst verachtet das zu gebildete Reden über Kunst, der Kopf dürfe nie wichtiger werden als das Herz, sagt er: »Willst Du wissen, was Schönheit sei? Befrage die Herren Ästheten, beim Teetisch kann’s Dir nützlich werden, aber vor der Staffelei nicht, da musst Du fühlen, was schön ist.« — Illies, Florian. „Zauber der Stille.“ FISCHER E-Books, p. 142


Dieses im Plauder- und Anekdotenstil geschriebene Sachbuch bringt Lesenden nicht nur den Maler Caspar David Friedrich näher sondern auch seine künstlerischen und politischen Zeitgenossen. Schriftsteller - das jahrelange Geplänkel zwischen ihm und Goethe hat mich maximal amüsiert - Fürsten, Zaren in all ihrer Verwobenheit miteinander. Doch nicht nur die konkrete Zeit des Malers wird mit all ihren insbesondere menschlichen Anekdoten erzählt sondern auch der Weg seiner Bilder durch die Zeiten bis heute an Geschichte(n) über und um sie herum verknüpft. Und da gibt es so einige! 


Nazizeit, 68er, russischer Sozialismus … immer wieder polarisierten die Gemälde und wurden zum Thema. Wieder war es ein Buch, das mich zum nebenher Querlesen geradezu herausforderte mit interessanten Funden zu Autor, Landschaften, historischen Figuren … und vielem mehr …  die auch bei mir Verbindungen - völlig zufällige - zu früher gelesenem erbrachte. Ein Video bei Youtube z. B. von einer früheren Harald-Schmidt-Show-Ausgabe, in der Florian Illies als Gast geladen ist (Verbindung hier: Tankred Lerch, dessen Buch ich kürzlich gelesen habe,  hat jahrelang für die Show geschrieben):



Dass viel Arbeit und Recherche an Originalplätzen - wo es größtenteils geschrieben wurde - in Museen und Galerien, an Universitäten und bei Privatpersonen gekostet hat, davon bin ich überzeugt. Man merkt es an unendlich vielen Stellen, an denen akribische Sorgfalt und unglaubliches Aufstöbern von Randbegebenheiten ersichtlich ist. Ein Buch, das bei einer im Grunde Geschichtsbanausin und bisher die bildenden Künste eher nur am Rand Konsumierende wie ich es meistens bin,  auf sehr unterhaltsame und spannende Art beim Lesevergnügen auch Wissenszuwachs vermittelt hat.



Wirklich beklemmend aber wird die Geschichte, wenn wir noch einmal auf jenen Herrn mit Hut blicken, der das Bild der Nationalgalerie 1937 verkauft hat. Martin Brunn nämlich ist Jude, und der »Watzmann« Friedrichs hat über viele Jahre in jenem Raum in seiner Wohnung gehangen, der für die geheimen Treffen seiner jüdischen Gemeinde in Wilmersdorf genutzt worden ist. Nun braucht Brunn Geld für die Emigration seiner Familie. Natürlich hat Hanfstaengl das dem Führer verschwiegen. Ja, Hanfstaengl hat dem jüdischen Besitzer nicht nur einen fairen Preis zu bezahlen versucht, obwohl der gar nicht gewusst hat, welchen Schatz er bei sich in der Wohnung gehabt hat, sondern er hat im selben Jahr, als der »Watzmann« in der Nationalgalerie aufgehängt wird, auch protestiert, dass die Expressionisten als »Entartete Kunst« abgehängt werden. So wird er schon am 26. Juli, also ein halbes Jahr nach dem Ankauf, entlassen – vielleicht auch, weil inzwischen ruchbar geworden ist, dass für den »Watzmann«, mit dem Friedrich nun als größter Meister der »nordischen Rasse« gefeiert wird, Hitlers Geld an einen Juden gegangen ist. Sobald der jüdische Glaube des Besitzers bekannt wird, sperrt der Staat das Geld der Familie Brunn, unter anderem und perfiderweise als sogenannte »Judenvermögensabgabe«. Aber womöglich können mit Teilen des Verkaufserlöses die Kinder der Brunns 1938 doch nach England emigrieren, und 1941 gelingt es sogar den Eltern. — Illies, Florian. „Zauber der Stille.“ FISCHER E-Books, p. 104


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Montag, 23. Februar 2026

Bernardo Zannoni, Mein erstaunlicher Hang zu Fehltritten



  • Verlag: Rowohlt Hundert Augen 
  • Übersetzt von: Julika Brandestini
  • Erscheinungstermin: 13.06.2023 
  • ISBN: 978-3-498-00332-6 
  • 256 Seiten
  • „Vielleicht ist es das, was der Tod uns lehrt, diejenigen, die von seiner Ankunft wissen: Dieser dunkelste Augenblick ist ein einsamer Gang, in den Windungen des Selbst, wo alles entgleitet, und man versucht, es noch einmal am Schopf zu ergreifen. Es ist die Seele dieser Welt, ihre größte Kraft; niemand bittet darum, geboren zu werden aber auch nicht darum, wieder zu gehen.“(S. 156)

  • 🦫 🦊 🐗 

Mittwoch, 18. Februar 2026

Ljudmila Ulitzkaja, Alissa kauft ihren Tod

Ljudmila Ulitzkaja, 1943 geboren, wuchs in Moskau auf und ist eine der wichtigsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen Russlands. Sie schreibt erzählende Prosa, Drehbücher, Hörspiele und Theaterstücke.             2008 erhielt Ljudmila Ulitzkaja den Aleksandr-Men-Preis für die interkulturelle Vermittlung zwischen Russland und Deutschland, 2014 den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur, 2020 den Siegfried Lenz Preis. — Ulitzkaja, Ljudmila. „Alissa kauft ihren Tod.“ Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 2022, p. 253

Hauptsächlich - aber nicht nur -  von Frauenschicksalen handeln die Geschichten im Band mit vielen unterschiedlichen Erzählungen. Unterschiedliche Schicksale mit auch vielen Ähnlichkeiten. Krankheiten (Schlaganfälle dominieren;),  Alkohol, ungewöhnliche Wendungen und Gedankengänge. Liebes- und familiäre Bindungen jedweder Richtung.

 Häufiges Motiv: plötzliche Schicksalswendungen ins Gegenteil dessen, was es anfangs zu sein schien: aus scheinbar glücklichen Fügungen entstehen schlimmste Schicksale und umgekehrt. Wobei auch die sehr häufig eher dusteren Wendungen und Todesfälle ruhig, im flüssig-undramatischen Erzählstil wie von einem weitgehend unbeteiligten Zuschauer beobachtet erzählt werden. Ruhig, eingängig, anschaulich.

Mir war’s oft insgesamt ein wenig zu … dunkel. Bei manchen der Geschichten war es leicht und spannend mitzugehen, bei einigen anderen eher deutlich weniger. 

Wie kam ich drauf? -> Die nächste Lücke in der alphabetischen Autorenliste (gelesene Bücher seit 2025) ist damit geschlossen und ich stelle wieder einmal fest: sogar oder auch gerade die seltsamste Art der Lesestoffsuche, sei es nach frei assoziierten Suchbegriffen, Regionen oder wie in diesem Fall, Anfangsbuchstaben von Autoren, kann in bisher unbemerkte aber interessante Gefilde der Literatur führen. Anders, neu und schon von daher interessant.


… 🧑‍🧑‍🧒‍🧒 🧑‍🧒 🧑‍🧒‍🧒 …


Sonntag, 15. Februar 2026

Tankred Lerch, Es muss wie ein Unfall aussehen

ISBN 978-3-95453-292-6
Erscheinungsdatum: 10.05.2024
224 Seiten
Verlag Becker-Joest-Volk

Um das Thema “Humor und Schreiben” noch ein wenig zu vertiefen (siehe auch vorherigen Beitrag), suchte ich nach passender aktueller Literatur und fand den mir bis dahin völlig unbekannten aber bereits vielfach ausgezeichneten Autoren, Moderator (und mehr) Tankred Lerch bzw. seinen 2024 erschienen Ratgeber für unterhaltsames und auch humorvolles Schreiben. 

Wobei “Ratgeber” sich sachlicher und nüchterner anhört als das Buch real daherkommt. Obwohl der Humor - insbesondere der der dort erwähnten Comedy-Größen aus Film und Fernsehen - sich in weiten Teilen nicht mit meinem deckt, habe ich gelegentlich laut und herzhaft gelacht angesichts der geschilderten humorigen Anekdoten. Es macht Spaß und bringt Mehrwert.

Die meisten der genannten Filme, TV-Serien, Serienschreiber und auch Comedians kannte ich bis dahin nicht oder kaum weil ich - wie erwähnt - einen sehr unterschiedlichen Humorstil mag und überhaupt kaum fernsehe. Comedy gar nicht. Völlig humorlos eben. Habe also begleitend zum Lesen viel in Mediatheken und auf YouTube rumgestöbert. Waren durchaus interessante Entdeckungen dabei.

Möglicherweise fand ich viele der Tipps und Ideen auch gerade deshalb so interessant und nützlich, weil die Sichtweise eine andere ist als meine es in gleichen Sachlagen gewesen wäre?! 


✍🏼


Montag, 9. Februar 2026

Sven Regener, Zwischen Depression und Witzelsucht

  • ISBN: 978-3-86971-310-6, 96 Seiten 

  • Heute wurde ich von deinem Lachen geweckt!” 
  • Nicht vorwurfsvoll sagte es der beste Ehemann, sondern eher neugierig, was wohl seine ansonsten doch eher als tendenziell humorlos bekannte Gattin - also mich - am frühen Morgen eine Etage unter ihm in der Küche beim Kaffee sitzend, so schallend hat auflachen lassen.
  • Ein recht kurzes Büchlein mit einem Essay bzw. einer fachlich-theoretischen Abhandlung war es. Eigentlich ein Vorlesungsmanuskript, in dem Sven Regener das Wesen des Humors bzw. der sehr unterschiedlichen Arten von Humor in der Literatur zu ergründen und vorzustellen sucht. 
  • Am liebsten würde ich gleich die Hälfte des Textes zitieren vor lauter Begeisterung darüber, wie präzise, sachlich und fachlich sauber das Thema angegangen wird und bei alledem unterhaltsam bleibt (die Stelle, die mich am heutigen Morgen laut hat auflachen lassen .. hebe ich mir für eine spätere - vermutlich sehr viel spätere … Vorstellung eines anderen Buches vom Autoren auf. Bisher kenne ich noch keines - aber nun ist “Herr Lehmann” auf meiner Leseliste gelandet).
  • Ich belasse es bei diesem einen Zitat  (wer mag, kann ja die oben verlinkten Besprechungen anklicken ;)
  • “Humor ist sowieso beliebt. Niemand will einer sein, der keinen hat.Wer als humorlos gilt, hat schon verloren. Humor gilt als etwas Gutes. Anders der Witz. Bei Witzen unterschiedet man gerne zwischen gut und schlecht, geistreich und primitiv, verletzend und harmlos. Humorlosigkeit lässt sich kein Autor gerne unterstellen, witzig wollen aber die wenigsten sein. Für mich liegt darin ein Widerspruch.”

  • 😅

Sonntag, 8. Februar 2026

Ellen Berg, Du mich auch


Immer wieder liefen mir die Bücher von Ellen Berg über den digitalen Onleihe-Weg bei meinen diversen Suchen unter allen möglichen Suchbegriffen und Filteroptionen. Witzige Cover, markige Titel, größtenteils recht gute Bewertungen. Oft verliehen. 

Also mal genauer hingeguckt, zur Autorin gelesen und ihr erstes veröffentlichtes Buch von 2011 auf den digitalen Bücherstapel verfrachtet. Nun gelesen.

Nun … was soll ich schreiben … es ist: Unterhaltungsliteratur. Aber mal so richtig. Unterhalten wollen fast alle werden, die in ihrer Freizeit was lesen, nehme ich an. Die Ansprüche daran, was “gut unterhält”, unterscheiden sich hier und da.

Ellen Berg trifft offenbar mit ihrem Stil eine große Leserinnenschnittmenge, richtet sich vornehmlich an Frauen. Bedient Klischees am laufenden Band. Jenseits von irgendwelcher Praxis- oder Realitätsnähe werden diverse Phantasien bedient: Rachegelüste (hier schon Titelgebend massiv), sexuelle Phanstasien, Wünsche nach Ausstieg, Veränderung, neuem Leben. Feindbild ganz klar: Normalmänner. Für die sexuelle Triebbefriedigung müssen “Traummänner” her und auch diese aus der Klischeekiste gekramt: der smarte junge Mann im Arztkittel mit gelegentlichem Toy-Boy-Nebenjob, der italienische Koch und Restaurantbetreiber alter Schule, der intellektuell angehauchte Journalist mit Bodybuilder-Körper.

Es tut richtig weh, so plump wie Witze und Kalauer im Stil relativ simpel gestrickter Büttenreden daherkommen: gehässig, vorhersehbar und rücksichtslos gegenüber allen Männern, die der weiblichen Machtübernahme auf allen Sektoren im Wege stehen.

Mich hat’s beim Lesen ziemlich an Karsten Dusse und seine Krimis jenseits der Gesetzesmoral erinnert. Bisschen plumper noch, würde ich sagen. Andererseits war’s das Debüt von Ellen Berg, das ich gelesen habe. Danach folgen Bücher am laufenden Band, die sich offenbar alle recht gut verkaufen und verleihen.

Obwohl’s so gar nicht meinen eigenen Humor trifft und sich mir immer wieder vor Grausen die Nackenhaare kräuselten bei den stumpf-oberflächlichen Phantasien habe ich - aus Gründen, die sich in einem nächsten Post vermutlich erklären werden - zu Ende gelesen und werde wohl auch noch eins ihrer späteren Bücher irgendwann ausleihen um zu sehen, wohin der Leserinnenwunsch die Autorin führt bzw. geführt hat. 

Denn davon gehe ich aus: dass hier eine, die das Schreiben durchaus kann, sich nach dem Verkaufstrend und aktuellen Leserinnen-Mehrheitsgeschmack im Segment “Frauenroman”  richtet. Und das ist ja durchaus legitim. Oder ob sie irgendwann auch tiefere Ebenen zulässt … alles mögliche ist möglich.





🧞‍♀️

Mittwoch, 4. Februar 2026

Wolf Haas, Wackelkontakt

Die Idee ist - da haben alle sich vor Begeisterung überschlagenden Kritiker vollkommen Recht! - bisher einzigartig, witzig, sozusagen “kleinteilig” brillant. Mit geradezu korinthenkackerisch-pedantischer Ausführung.

Zwei gegenläufige Geschichten, die ineinandergreifen wie die diese Geschichten inspirierenden sich gegenseitig zeichnenden Hände des Künstlers M.C. Escher - einer der Protagonisten trägt ebenfalls den Namen Escher und erpuzzelt sich auch dieses Bild. Motive, die ihre Spiegelmotive bedingen und auf mehreren Ebenen sich spiegelnd widerscheinen.  Viele Einzelstränge, die zu Einzelteilen zerlegt irgendwann doch wieder in die anderen greifen und ein Bild werden. 

Wolf Haas hat in diesem Roman nicht nur das Puzzlen zu einem Hauptthema werden lassen, sondern alle Teile der Geschichte wie das große Puzzle mit dem fehlenden Mittelteil “Die Erschaffung Adams” aus zwei Welten / Geschichten mit einem fehlenden und erst zur Auflösung gelieferten Mittelteil behandelt. Auch hier wieder die Episode in der Geschichte eine Beschreibung des Buchkonzepts.  Ich könnte mir vorstellen, dass dazu ein gerüttelt Maß an Aufmerksamkeit und Bastelgeschick gehört hat. Gab’s so meines Wissens nach noch nie.

Die beiden Geschichten als solche - diese “Kritik” bzw. “unbedeutende Randbemerkung” erlaube ich mir - nicht so wirklich prall spannend. Trotz sehr lebendig gezeichneter Figuren mit auch humorigen Zügen. Fand ich zumindest. Jede einzelne eher eine etwas … dahinplätschernde … Erzählung zweier Hauptfiguren über einige Jahrzehnte (was die zeitliche Logik angeht … hätte ich hier und da auch ein paar Einwürfe parat ;), die jede für sich eher so “naja” sind.

Die eigentliche Story ist dieser sehr spezielle Plot. Das Aufeinanderzulaufen, das entstehende Gesamtbild.

Mir war schon an einer sehr frühen Stelle klar, wo das “entscheidende Mittelteil” sich versteckt hatte. Bzw. wusste ich, auf welchem noch geheimen Clou die Handlung basiert. Was aber normalerweise die Freude am Lesen eher mindert, hat sie mir hier erst richtig aufgebaut!

Plötzlich fand ich die beiden Geschichten relativ nebensächlich und wollte in erster Linie wissen, wie die einzelnen Stränge und offenen Punkte zusammengebracht und die verwirrten Fäden gelöst werden. Der Spaß entstand - jedenfalls für mich - stärker aus dem nachträglichen Zuschauen beim Schreibprozess und der Teilefindung. Obwohl ich selber real mit Puzzles gar nicht soo viel anfangen kann.  Tolles Teil!



Sonntag, 1. Februar 2026

Thomas Melle: Haus zur Sonne

Nein, ich will nicht sterben, so durchfuhr es mich plötzlich und das erste Mal seit Jahren. Ich will doch leben! … Was ist das nur für ein Wahnsinn, ständig daran zu denken, sich umzubringen, wirklich ständig, und es doch nicht zu tun. Was für eine Verschwendung!  Der Tod kommt doch eh irgendwann, er kommt, wenn er kommt. Ihn zu einer fixen Idee werden zu lassen, ist nur sinnlos und traurig und überdeckt alles andere. … Es war kurz befreiend, so zu denken. (S. 220)


Beim Lesen habe ich mir genau das - s. Zitat oben - ziemlich oft gedacht und irgendwie gehofft, dass der Protagonist zumindest zeitweise bis zu diesem Gedanken - wenn schon nicht zu Freude oder auch nur Zufriedenheit, Selbstakzeptanz oder gar Glücklichsein - finden kann. Der Autor ihn in dieser dessen reales Leben mit sehr packenden Fiktionen vermischenden Romanform dahin finden lässt.


Als es dann geschieht, ist es kaum noch eine Erleichterung weil so viel anderes, Schwere, Ausweglosigkeit die Herrschaft über sämtliche Funken der Hoffnung übernommen zu haben scheint. Oder doch nicht? Ganz klar wird’s nie ….


Der Roman beeindruckt ungeheuer und zieht lesend in den Sog aus Imaginationen und Verwischung von Fiktion und Realität. Sollte es überhaupt einen Unterschied geben … verliert sich die Übersicht, wo was stattfindet und woran es zu erkennen wäre.


Die Vorgängerbücher von Thomas Melle, die ebenfalls seine bipolare Krankheit in den Mittelpunkt stellen, kenne ich nicht. Ebenfalls kenne ich nicht - und bin nach der Lektüre nochmal sehr viel dankbarer dafür - diese Form der extremen Stimmungsumschwünge mit totalem Kontrollverlust. Tendenziell reinfühlen … klappt ganz gut. Aber auf so entscheidend  niedrigerem Niveau - so im Bereich nicht zwingend behandlungsbedürftiger Zyklothymie, dass es eher sowas wie der Vergleich zwischen Dantes zweitem Höllenkreis und dem achten ist, in dem sich der Romanprotagonist befindet.


Die erste Hälfte im Flugzeug gelesen, stellte sich mir irgendwann die Frage, ob wohl jemand an Bord sitzt, der sich freuen würde, wenn das Teil abstürzt … Die zweite Hälfte dann auf einer Hotel-Sonnenterrasse in Fuerteventura, in einem sehr viel wörtlicheren Sonnenhaus also. Was die Gedankeninhalte  nochmal um mehrere Stufen surrealer aber irgendwie durch den Winter-Wärme-Kontrast eingängiger erscheinen lässt. Wozu einen allumfassenden Sinn für irgendwas finden, wenn einfach nur die Sonne scheint?! Manchmal wirkt alles so einfach - und dann wieder eben gar nicht mehr. Und der Wechsel kann auch im Innen ruck-zuck stattfinden.


Der Selbstmord ist wohl eine Beleidigung allen Lebens, auch das der anderen, ist eine Infragestellung seines Werts, eine als nihilistisch empfundene Kränkung  - so wird es von außen gesehen.

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Ich will mir keine Gewalt antun. Ich will nur weg sein.. Keiner hat mich gefragt, ob ich überhaupt da sein wollte. (S. 208)


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