Freitag, 16. Oktober 2026

Heinrich Steinfest, Der betrunkene Berg

Soll heißen: ich fand‘s ein bissel überladen. Aber das soll wohl so.

Ein Durcheinander an belanglosen und tragödienhaft-gigantischen Episoden. Handelnde Personen mit schier unglaublich komplizierten Lebensgeschichten;  oft angesiedelt im Künstler-, Weltpolitik- oder Hochfinanz-Milieu. Die Leitgeschichte hier aber abgeschnitten. Quasi im Off. Dazu noch eine vorgelesene Buchgeschichte eingeflochten.


Gegenstände und Schlagwörter manchmal weitgehend zusammenhanglos zwischengestreut, in denen schnelle Autos, teure Klamotten, hochpreisiger Alkohol oder presseumwimmelte Veranstaltungen eine Rolle spielen oder  sexuelle (Männerwunsch?) Phantasien. Irgendwie spielen Schuld und Verdrängen die Hauptrollen. Einfrieren, sich erinnern, erkennen von Gemeinsamkeiten. Parallelbilder. 


Die Sprache Steinfests wurde von anderen Kritikern mit „beschwippste Fabulierlust“ bezeichnet und so könnte man es nennen denn oft verwischen die Zusammenhänge und Handlungen im Unverständlichen. Die gemalten  Bilder sind eher springend. Ich gestehe: meins ist‘s zumindest hier nicht wirklich. Vielleicht mal einen anderen Titel vom preiseüberschütteten Autoren versuchen? Weiß noch nicht ….


Leseprobe:


Champagner gehörte für Robert zu den Getränken, die bei ihm gleich hinter Wasser rangierten. Er konnte Wasser einfach nicht leiden. Sosehr er um dessen Bedeutung für das Leben wusste, und sosehr es ihm Kraftstoff in seiner Zeit als Boxer gewesen war.  Er winkte den erneut vorbeieilenden Kellner zu sich und flüsterte ihm eine Bestellung ins Ohr.  Der Eiskunstläufer nickte und glitt davon. Um nur wenig später mit einem wuchtigen, kreisrunden Glas zurückzukehren, darin die honiggelbe Flüssigkeit eines vierzehnjährigen Iren in sanften, öligen Wellen gegen die gläserne Wand stieß.  O ja, das war sein Wasser, Uisge Beatha, das Wasser des Lebens. 


Eingedenk des bekannten schottischen Trinkspruchs, nach dem ein Glas fabelhaft, zwei zu viel und drei zu wenig seien, konnte man Robert – so rettungslos verliebt und rettungslos verloren – zur Gruppe derer zählen, für die drei zu wenig waren. 

Obgleich er wusste, dass das sein Unglück war. Und damit waren gar nicht seine Leber oder sein Verstand gemeint. Sondern der Umstand, die vernünftige Gruppe derer, die ein Glas fabelhaft fanden, verlassen zu haben. Seine Liebe allein im Zustand der Maßlosigkeit leben zu können.  

Das ging so weit, dass, wenn er nachdachte, welche Menschen ihm die liebsten waren, er jene auswählte, die so versoffen waren wie er selbst. Auch wenn er sonst rein gar nichts Gutes an denen finden konnte.  

Natürlich war es anders bei seinen Töchtern, die er zum wiederholten Male mit seinen langen, mächtigen Bildhauerhänden umfasste, während er in der einen Hand noch immer sein Glas hielt, in dem seine Geliebte schwamm.  

Er war bekanntermaßen ein Tier, jemand, der ungemein viel aushielt und viel vertrug, so, wie er früher ungemein viele Schläge hatte einstecken können. Aber auch Leute, die viel einstecken können, fallen irgendwann einmal um. — Steinfest, Heinrich. „¬Der¬ betrunkene Berg.“ Piper ebooks, p. 135,136


KLAPPENTEXT

Die Buchhändlerin Katharina betreibt auf 1765 Meter in den Alpen eine Buchhandlung. Als sie im November schließt, behält sie einen Fremden ohne Namen und Gedächtnis bei sich, vorübergehend. Die beiden lesen zusammen, er kocht für sie, und Stück für Stück beginnt er sich zu erinnern. Heinrich Steinfest ergründet die Wege, die uns Zufall und Schicksal einschlagen lassen. Und stellt die Frage, was mit uns geschieht, wenn eine böse Tat das Leben in eine andere Richtung lenkt.

Piper Verlag, München 2022
ISBN 9783492070133
Gebunden, 224 Seiten,

🛘 


Samstag, 10. Oktober 2026

Alina Bronsky, Essen

„Jeder könnte ein Buch über Essen schreiben, das genauso einzigartig wäre wie sein Fingerabdruck.“

Ein Zitat aus dem Buch von Alina Bronsky, das mich sofort angesprungen und - wie vermutlich jeden einzelnen seiner anderen Leser auch - dazu angeregt hat, dem eigenen Fingerabdruck in puncto Ernährung nachzuspüren. 

Persönlich spürte ich z. B. zurück in das Gefühl der Hausschlachtungstage mit frischem Thüringer Mett und Wurstsuppe. Aber auch zu den für mich unessbar matschig gekochten Gartengemüsen in Mehlschwitze. Erinnerte mich an die ausgerechnet in einer Mensa der achtziger Jahre mich ereilende staunende Erkenntnis, dass sogar Wirsing nicht nur essbar sondern richtig zubereitet richtig lecker sein kann. Mir fiel auf, dass mit den sich ändernden Lebensstationen, den persönlichen Entwicklungsschritten auch ein jeweils tiefgreifender Wechsel der Ernährungsgewohnheiten einherging. 

Es ist ein leichter amüsanter Lesespaziergang, der Freude bereitet und zum Weiterschlendern anregt.

Erscheinungsdatum: 16.09.2025
112 Seiten
Hanser Berlin
ISBN 978-3-446-28152-3
Deutschland: 20,00 €


Wenn Bestsellerautorin Alina Bronsky über Essen schreibt, geht es ans Eingemachte: Um Liebe, Hass, Verführung und Erpressung. 

Nur wenige Dinge sind so privat und so öffentlich, so zelebriert oder verheimlicht, so omnipräsent und zugleich verdrängt wie die Speisen, die wir zu uns nehmen. Jeder könnte ein Buch über Essen schreiben, das genauso einzigartig wäre wie sein Fingerabdruck, behauptet Alina Bronsky, und schreibt nun ihres: Eine höchst subjektive Erzählung über ihre persönliche Beziehung zu Porridge, Schokolade, Butterbrot, Borschtsch oder der Vogelmilchtorte. Denn für sie sind diese Speisen nicht einfach nur Nahrung, sondern ein Mittel der Fürsorge, Emanzipation, emotionalen Erpressung, das mal nach Heimat schmeckt, mal nach Liebe, Hemmungslosigkeit oder Askese. Ein bittersüßes kulinarisches Lesevergnügen: manchmal komisch und manchmal melancholisch.

🍲 🍞

Montag, 5. Oktober 2026

Alex Schulmann, Jetzt beginnt das Leben

Großartiger, bewegender und ausgesprochen ungewöhnlich konstruierter Roman. Zwischendurch Lesepausen machen: schwierig bis nahezu unmöglich. Was für ein spannender Plot. Autofiktionale Bewältigung einer traumatischen Kindheit im Krimieinband sozusagen. 

ISBN : 978-3-423-28579-7
Erscheinungsdatum: 20.08.2026
352 Seiten 
Aus dem Schwedischen von Hanna Granz

Klappentext:

Ein Mann telefoniert mit seiner Vergangenheit

Vidars Leben ist aus den Fugen geraten. Nach einem gewalttätigen Vorfall in der Schule wird er vom Lehrdienst suspendiert. Als er zu Hause zufällig die Telefonnummer des alten Sommerhauses der Familie findet, wählt Vidar aus einer Laune heraus die Nummer. Es meldet sich sein Vater, der längst tot ist. Bald versteht Vidar: Am anderen Ende der Leitung ist immer der 17. Juni 1986, ein Tag aus seiner Kindheit. Es öffnet sich eine Falltür in die Vergangenheit. Anruf für Anruf versucht Vidar, jeden Schritt seiner Familie an diesem Tag nachzuvollziehen. Er überschreitet eine Grenze nach der anderen. Und während sich der Tag seiner Kindheit langsam auflöst, zieht sich die Schlinge in der Gegenwart immer enger zu.


Sonntag, 4. Oktober 2026

Wendy Syfret, Der fröhliche Nihilist

Fragen, die sich fast jeder irgendwann irgendwie stellt. Oder doch nicht jeder? Wendy Syfret schreibt über den Umgang damit und es ist okay, mal wieder ein bisschen mitzudenken und das eigene Denken und den eigenen Umgang mit den Sinnfragen, der  ja doch im Laufe eines Lebens ein paarmal die Tendenz verschiebt, nochmal Revue passieren zu lassen. Feststellen: es ist auch eine Alters-, Kultur- und Lebenssituation-bezogene Frage bzw. die persönliche Antwort darauf von diesen Faktoren mit abhängend.

Einbeziehung unterschiedlicher früherer philosophischer Betrachtungen, Gott, Liebe, Arbeit, Covid … alles ist drin. Manches hab‘ ich überflogen, manches interessant gefunden. Hab‘ ich so im Vorbeigehen mitgenommen und das kann man schon machen.

Autorin: Wendy Syfret (aus dem Englischen von Nikolaus Stingl)

Verlag: Goldmann Verlag 

Erscheinungsdatum: 18. Juli 2022

Seitenanzahl: 240 Seiten

ISBN-13: 978-3-442-17917-6


Klappentext:

Seit jeher suchen wir Menschen in unserem Dasein und Tun eine Bedeutung, doch gegenwärtig erleben wir einen regelrechten Sinnsucher-Boom, der in alle Lebensbereiche hineinwirkt und uns die Leichtigkeit raubt. Vom morgendlichen Kaffee bis zum Wochenendausflug wird jedes Ereignis optimiert – und das, obwohl es unterm Strich unerheblich ist, wie wir unseren Trendkaffee brühen oder ob wir lieber lesen statt Sport zu treiben. 

Wendy Syfret nimmt den Druck von uns. Mit viel Witz und Charme plädiert sie für eine nihilistische Geisteshaltung, die den Kult des Sinns ablehnt und unsere relative Bedeutungslosigkeit im Universum als positive Realität akzeptiert. Denn wenn das Leben keinen Sinn hat, können wir auch einfach glücklich und gut zueinander sein, oder?


Zwei Zitate noch, die für mich persönlich das Thema zentral erfassen:


„Leider befreit der Glaube, dass nichts von Bedeutung ist, uns nicht von der Notwendigkeit, am Austausch von Zeit, Geld und Energie teilzunehmen, was eine Gesellschaft erst zu einer solchen macht und nicht zu einem Gewirr von Philosophen, die frei herumlaufen und sich fragen, wer das Mittagessen kochen wird.“


„Wir machen die Frage nach dem Sinn unwahrscheinlich groß, um damit auszugleichen, wie unwahrscheinlich klein wir sind.“


🤷🏻‍♀️


Donnerstag, 1. Oktober 2026

Johanna Frid, Haralds Mama

… und alle irgendwie auf Droge …

Die Bewertungen in der Onleihe und auf anderen Portalen sind entweder extrem mies oder voll der Begeisterung. Beides kann ich verstehen irgendwie. Habe beim Lesen gehadert, gelitten und gelacht.  Lasse ich die anderen beurteilen.

Über das Buch

„Beide warten auf Harald: Lebensgefährtin und Mutter. Die eine Anfang 30, die andere Mitte 70. Beide Frauen sitzen in der Wartehalle eines klaustrophobisch kleinen Flughafens im Norden Schwedens. Und sie liefern sich einen Kampf, der einem Strindberg-Drama in nichts nachsteht. Harald musste wegen seiner Tablettenabhängigkeit in eine Klinik, und nun soll er endlich wieder nach Hause kommen. Aber in wessen Zuhause, in das seiner Freundin oder das seiner Mutter? Harald, der Golden-Retriever-Mann, musste sich bisher nie entscheiden. Als Haralds Ankunft sich wegen eines Schneesturms verzögert, eskaliert der Streit. Bis wir alle nicht mehr wissen, zu wem Harald zurückkehren sollte …“ 
— Frid, Johanna. „Haralds Mama.“ Eichborn, p. 3

  • VERLAG: Eichborn
  • SEITENZAHL: 320
  • ERSTERSCHEINUNG: 25.07.2025
  • ISBN: 9783847902188



Donnerstag, 24. September 2026

Daniel Schreiber, ALLEIN

Beeindruckendes Essay - tief berührend

Es fasst an, wie Daniel Schreiber das Thema Allein(samkeit) betrachtet: persönlich, offen, nah. Und doch mit kühler philosophisch-wissenschaftlicher Distanziertheit. Es regt beim Lesen an, selber in die Tiefe zu gehen und auch den eigenen schmerzlichen Facetten von Alleinsein, Einsamkeit, der Notwendigkeit, sich von Träumen und Illusionen zu verabschieden, nachzuspüren. 

Ist nicht einseitig wertend, leuchtet klar auf auch gegensätzliche Aspekte. Differenzierend und letztlich die existenzielle, von Beziehungsstati unabhängige Form des Alleinseins erkennend und … akzeptierend …? Lässt vor allem dem Leser die Freiheit seiner eigenen Deutung und Betrachtung der Themen.

Ich hatte unglaublich viele Stellen des mehr zufällig im Vorbeigehen ausgeliehenen Buchs mit Papierfetzchen markiert, um sie später hier zitieren zu können. Mich aber dagegen entschieden. Eine dieser Stellen liest in diesem kurzen Video der Autor selber:


Erscheinungsdatum: 27.09.2021
160 Seiten
Hanser Berlin
Hardcover
ISBN 978-3-446-26792-3
Deutschland: 20,00 €
Österreich: 20,60 €

Klappentext:

„Zu keiner Zeit haben so viele Menschen allein gelebt, und nie war elementarer zu spüren, wie brutal das selbstbestimmte Leben in Einsamkeit umschlagen kann. Aber kann man überhaupt glücklich sein allein? Und warum wird in einer Gesellschaft von Individualisten das Alleinleben als schambehaftetes Scheitern wahrgenommen?
Im Rückgriff auf eigene Erfahrungen, philosophische und soziologische Ideen ergründet Daniel Schreiber das Spannungsverhältnis zwischen dem Wunsch nach Rückzug und Freiheit und dem nach Nähe, Liebe und Gemeinschaft. Dabei leuchtet er aus, welche Rolle Freundschaften in diesem Lebensmodell spielen: Können sie eine Antwort auf den Sinnverlust in einer krisenhaften Welt sein? Ein zutiefst erhellendes Buch über die Frage, wie wir leben wollen.“



🏝️

Dienstag, 22. September 2026

Irene Solà, Singe ich, tanzen die Berge

Fand ich die Schreibweise anfangs noch ein bisschen „abgedreht“, skurril und vielleicht sogar etwas verwirrend, kam mit den Seiten der Flow. Es ist besonders  und kein Wunder, dass es Preise eingeheimst hat, das Buch der katalanischen Schriftstellerin Irene Solà. Und in viele Sprachen übersetzt wird. 

Klappentext:

„Gewitterwolken schürfen über den Rücken der Pyrenäen und ein Blitz erschlägt den dichtenden Bauern Domènec, dessen junge Frau Sió mit ihrem Schwiegervater und ihren Kindern allein zurückbleibt. Doch das Leben geht weiter. Teilnahmslos beobachten die Berge das Werden und Vergehen derer, die dort leben. Die junge katalanische Schriftstellerin Irene Solà, die für diesen Roman 2020 mit dem Europäischen Literaturpreis ausgezeichnet wurde, erschafft und belebt eine vielstimmige und poetische Welt, erzählt durch starke Frauen und mystische Stimmen von Großeltern, Eltern, Kindern, Tieren, Geistern, dem Wald und den Wolken. Sie alle bilden diese Geschichten, die auf eine schöne und magische, aber auch tragische Art und Weise miteinander verbunden sind. Alle vereint im Kreislauf von Geburt, Leben und Tod. Solà erzählt die Geschichte der Berge, die die Erinnerung an Jahrhunderte, an geologische Epochen, politische Konflikte und die Verbindung mit der Natur umfasst.“


Irene Solá – Singe ich, tanzen die Berge

Aus dem Katalanischen von Petra Zickmann

Trabanten Verlag März 2022, 208 Seiten


🦌

Dienstag, 15. September 2026

Martin Nusch, „Ganzzz und gaarr missraten“ Die besten O-Töne von Marcel Reich-Ranicki

Wozu soll ich das hören? Wozu soll ich ein solches Buch hören?

Ein Hörbuch, das mit seinen Tonausschnitten von Marcel Reich-Ranicki tatsächlich nur als solches Sinn macht. 

Eindeutig, um sich heftig zu amüsieren. Darum sollte man das schon hören.

Zumindest habe ich mich für meine Verhältnisse stark amüsiert in den 50 Minuten, die es nur dauert. Unterwegs beim Joggen mehrfach laut und herzlich gelacht und ganz sicher werde ich es nochmals hören bevor ich es zurückgebe bzw. die Onleihe abläuft.

Und in noch mehr Beispiele mit Auszügen von Reich Ranickis Sendungen bei Youtube reinschauen.

ISBN 978-3-7424-0067 (2017)


😆


📚

Samstag, 12. September 2026

Sylvia Plath, Die Glasglocke

  • Frauenrollen, Depression, Bipolarität, Psychiatrien in den 50er Jahren 

Dieser stark autobiographische und einzige Roman von Sylvia Plath avancierte später zu einem „Kultbuch der Frauenbewegung“. Ob er das auch ohne den kurz nach seiner Veröffentlichung erfolgten Selbstmord der Autorin geworden wäre? Schwer zu sagen …

Es ist ein harter Stoff. Wirklich nahe lässt Romanfigur ihre Leser nicht an sich heran und trotzdem fühlt es sich gespenstisch direkt und greifbar an, was sie erlebt. Irgendwie psychedelisch, verwirrend und duster. 

Titel der Originalausgabe:The Bell Jar© 1963 Sylvia Plath   

Die Neuübersetzung von Reinhard Kaiser erschien erstmals 1997 als Band 1221der Bibliothek Suhrkamp eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2013 

— Plath, Sylvia. „¬Die¬ Glasglocke.“ Suhrkamp Verlag, p. 5


„Vor 50 Jahren erschien die amerikanische Erstausgabe der »Glasglocke«, Sylvia Plath' einzigen Romans – vier Wochen später nahm sie sich das Leben. Ihr Roman avancierte bald zum Kultbuch, beschrieb es doch wie kein anderes zuvor die Stimmungslage junger Frauen, ihre Zerrissenheit angesichts gesellschaftlicher Anforderungen. »Es war ein verrückter, schwüler Sommer, dieser Sommer, in dem die Rosenbergs auf den elektrischen Stuhl kamen und ich nicht wußte, was ich in New York eigentlich wollte«: Die neunzehnjährige Esther gewinnt eine vierwöchige Hospitanz bei einem Modemagazin in New York, garniert mit Partyeinladungen und Werbegeschenken. Doch Esther, bisher strebsame Studentin, kann sich weder in den Arbeitsalltag so recht einfinden noch die Verlockungen der Stadt genießen. Ihre Verzweiflung nimmt zu, als sie in die heimische Enge zurückkehrt, wo sie weitere Rückschläge einstecken muß. Ihre zunehmenden Depressionen führen sie schließlich nach einem Suizidversuch in die Psychiatrie, und erst ganz allmählich findet Esther aus der »Glasglocke« heraus, in die sie sich ständig eingeschlossen fühlt.   Sylvia Plath wurde 1932 in Boston geboren. 1963 erschien ihr autobiographisch gefärbter einziger Roman Die Glasglocke, einen Monat darauf nahm sie sich das Leben. Durch ihre Gedichtbände Colossus und Ariel wurde sie zur internationalen Ikone amerikanischer Dichtung“.

 — Plath, Sylvia. „¬Die¬ Glasglocke.“ Suhrkamp Verlag, p. 2


🪩


Dienstag, 8. September 2026

Alex Capus, Das kleine Haus am Sonnenhang

Eine kleine Philosophie der Gelassenheit und des stillen Glücks

Eine angenehm zu hörende, vom Autor Alex Capus selbst gelesene Erzählung über die frühe Zeit seiner Schriftstellerei. Seine über Jahre regelmäßigen Aufenthalte im kleinen piemontesischen Steinhaus. Geschehnisse, Gedanken, Veränderungen.

Manchmal leicht dahinplätschernd an der Oberfläche, dann wieder auch tiefgängig. Mehr humorig als ernst, mehr Leichtigkeit als Schwere.

Gelegentlich stellte ich fest, dass ich gedanklich abgeschweift war, hörte Stellen ein zweites und hier und da sogar ein drittes Mal und entdeckte genau in diesen Fällen kleine und große Perlen, die ich möglicherweise im einfachen Fluss überhört hätte. Es brachte mir Freude. Und erinnerte in Stil und Ausrichtung ein wenig an „Ein Haus für viele Sommer“ von Axel Hacke.

KLAPPENTEXT:


Eine kleine Philosophie der Gelassenheit und des stillen Glücks: Alex Capus erzählt eine persönliche Geschichte über die Liebe zur Literatur und ein Leben im Einklang mit sich selbst. - Es sind die neunziger Jahre in Italien. In den Kneipen wird geraucht, an den Tankstellen wird man bedient. Alex Capus bezieht ein einsam stehendes Steinhaus am Sonnenhang eines Weinbergs. Dort verbringt er viel Zeit mit seiner Freundin und Freunden, dort sucht er die Einsamkeit, um an seinem ersten Roman zu schreiben. Wie findet man Zufriedenheit im Leben? Warum stets eine neue Pizza ausprobieren, wenn doch die gewohnte Pizza Fiorentina völlig in Ordnung ist? Warum Jagd nach immer noch schöneren Stränden machen, wenn schon der erste Strand gut ist?


Carl Hanser Verlag, München 2024
ISBN 9783446279414
Gebunden, 160 Seiten
Hörbuch: 3h 53min 
Leser: Alex Capus

🏡 ☀️ 


Dienstag, 1. September 2026

Ann Packer, Ein unerhörter Wunsch


Diese Buchempfehlung einer nicht zum ersten Mal für mich tolle Bücher empfehlenden Mitarbeiterin der Buchhandlung Lehmkuhl war es, die mich zur Ausleihe dieses sehr besonderen Romans bewogen hat. Er hält einiges an Zumutungen bereit. Für die Figuren im Buch aber auch für die Leser.  

Erscheinungsdatum: 21.07.2026
304 Seiten
Hanser Berlin
ISBN 978-3-446-28719-8

Über das Buch:

Dass dieser Moment kommen würde, wussten sie beide: Claires Erkrankung geht in die Phase der letzten Monate und Wochen. Fast vierzig Jahre lang haben sie eine gute Ehe geführt, zwei Kinder großgezogen und die Herausforderungen des Lebens gemeinsam bewältigt — die sprühende Claire und Eliot, stets etwas in ihrem Schatten, aber bedingungslos an ihrer Seite. Vielleicht waren sie sich nie so nah wie jetzt. Da konfrontiert ihn Claire mit einem Wunsch, der ihn komplett aus der Bahn wirft: Nicht ihn will sie um sich haben in der Zeit, die ihr bleibt, sondern ihre besten Freundinnen Holly und Michelle.Ein mit meisterhafter Leichtigkeit erzählter, einfühlsamer Roman über die wahren Zumutungen der Liebe, über Verletzung und Großherzigkeit und die Unberechenbarkeit der letzten Dinge.





 



Sonntag, 30. August 2026

Peter Wohlleben, Das geheime Leben der Bäume

Die Entdeckung einer verborgenen Welt

Erscheinungsdatum 13. Dezember 2015

Seitenanzahl 224

Hörbuch: 354min

ISBN 9783453604322


Das Buch von Förster (bzw. Dipl. Forstingenieur)  Peter Wohlleben wurde nicht nur ein Bestseller sondern löste zahlreiche Kontroversen und Anfeindungen gegen ihn aus.


Was ich erstaunlich finde: werden für die Kinderversionen seiner Bücher und Darstellungen menschliche Analogien und Metaphern verwendet, gilt es als anschaulich. Geht er in Erwachsenen-Versionen ebenso vor, wird ihm auf streckenweise recht aggressive Weile eine unzulässige „Vermenschlichung“ der Pflanzen- und Tierwelt vorgeworfen. Auch dort, wo die reinen Fakten von biologischen Abläufen und Zusammenhänngen - und das scheint mir durchgängig der Fall zu sein - absolut korrekt vorgestellt werden. 


Das auch in einer unterhaltsamen, neues Wissen geschickt und einprägsam vermittelnden Art und Weise . Mir hat‘s Spaß gemacht und Zugewinn gebracht.


Klappentext:


Ein neuer Blick auf alte Freunde


Erstaunliche Dinge geschehen im Wald: Bäume, die miteinander kommunizieren. Bäume, die ihren Nachwuchs, aber auch alte und kranke Nachbarn liebevoll umsorgen und pflegen. Bäume, die Empfindungen haben, Gefühle, ein Gedächtnis. Unglaublich? Aber wahr! – Der Förster Peter Wohlleben erzählt faszinierende Geschichten über die ungeahnten und höchst erstaunlichen Fähigkeiten der Bäume. Dazu zieht er die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse ebenso heran wie seine eigenen unmittelbaren Erfahrungen mit dem Wald und schafft so eine aufregend neue Begegnung für die Leser: Wir schließen Bekanntschaft mit einem Lebewesen, das uns vertraut schien, uns aber hier erstmals in seiner ganzen Lebendigkeit vor Augen tritt. Und wir betreten eine völlig neue Welt ...


🌲 🌳 🪾

Sonntag, 23. August 2026

Christian Huber, Solange ein Streichholz brennt



Roman, 352 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
München 2026
ISBN: 978-3-423-28540-7

Mir hatten es beim Stöbern in den Neuzugängen der Onleihe spontan das wie ich finde schöne Cover in Kombination mit dem interessanten Titel angetan und ohne lange zu recherchieren, worum es sich dabei handelt, lag es schon auf meiner Vormerkliste. Ausgeliehen und zu lesen begonnen auf einer Zugfahrt, kam mir entgegen, dass es sich um keinen allzu schweren Stil handelt. 

Inhaltlich scheint es ein Trend zu sein, relativ schwere / anspruchsvolle Themen - in diesem Fall Obdachlosigkeit in Verbindung mit Alkoholismus, und dem Abrutschen ins soziale Aus durch die Anhäufung von Schuld und Überforderungs- bzw. Versagensproblematiken und auf der anderen Seite die Tücken der digitalen Medienwelt - mit einer Liebesgeschichte der etwas untypischen Art zu verknüpfen. Es befinden sich schon diverse ähnlich strukturierte in meiner kürzlichen Lesehistorie („Stay away from Gretchen“ und „Eine Frage der Chemie“).

Auch hier sehe ich es ambivalent. Für mich persönlich ließ es sich „so mitnehmen“ zur Unterhaltung. Trotz einiger ziemlich an den Haaren herbeigezerrten Wendungen ohne jegliche Realitätsnähe. Den Schreibstil finde ich insgesamt ziemlich okay.

Klappentext:

Bohm lebt seit fünf Jahren auf der Straße. Wie er aus seinem früheren Leben gerutscht ist, darüber schweigt er. Er besitzt so gut wie nichts. Einen alten Rucksack. Geschnitzte Holzmäuse. Einen Brief, den er nicht öffnen will. Mit seinem Hund Fox kämpft er sich durch die Tage und Nächte.

Hat jemand eine Chance auf die Liebe, der keine Chance im Leben hat? 

Die junge, einst aufstrebende Fernsehjournalistin Alina steckt fest. Im Job und in der Angst zu scheitern. Ihre letzte Chance auf eine TV-Karriere scheint eine Reportage über das Leben auf der Straße zu sein.

Alina findet Bohm. 

»Der Wind fegte über den Markt. Die Plane des Pavillons nebenan, an dem jemand Kerzen verkaufte, blähte sich auf, dass das Gestänge der Konstruktion schwankte. Unterdessen war eine junge Frau herangetreten. Braune Locken, ein teuer aussehender Mantel. Augenringe, die durch ihr Make-up schimmerten. Sie beugte sich vor, griff sich eine von Bohms Holzmäusen und legte sie wieder zurück. Dabei streifte ihr Blick den von Bohm für den Bruchteil einer Sekunde.« 

Plötzlich ist da etwas zwischen ihnen. Etwas, das nicht sein kann. Und ein Geheimnis, das ans Licht drängt.

Christian Hubers mitreißende Liebesgeschichte über soziale Grenzen hinweg. Ein bewegender Roman über Schuld und Vergebung, über Liebe und Flucht. Und über die Kraft eines einzigen Moments, der so viel erzählen kann wie ein ganzes Leben.


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