Freitag, 6. März 2026

Alex Capus, Susanna


Carl Hanser Verlag, München 2022

ISBN 9783446273962

Gebunden, 288 Seiten

Ungewöhnliche Methoden der Lesestoffauswahl sollte ich unbedingt beibehalten (in diesem Fall wurde die C-Lücke in der Autorenliste gefüllt)

Sonst hätte ich mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit niemals diesen auf der Biographie der Malerin und Bürgerrechtlerin Caroline Weldon (bürgerlicher Name: Susanna Caroline Faesch, geb. 1844 in Basel) basierenden Roman ausgewählt und gelesen.

Er ist historisch akribisch recherchiert und lässt dabei Figuren auf sehr feinfühlig-individuelle Art und in schöner Sprache  zu einem auch unterhaltsamen Roman auferstehen, der wie ein Film in vorfilmischen Zeiten bilder- und emotionsgeladen beim Lesen im Kopf entsteht und uneingeschränkt mitnimmt. Perspektiven wechseln und sind auch oft überraschend. Genau wie die Schwerpunktsetzungen zu unterschiedlichen Zeiten und in teils sehr voneinander abweichenden Situationen, so dass eine Person und ein Leben gelegentlich aussieht und sich anfühlt wie mehrere unterschiedliche. Auch die „Nebenfiguren“ bilden eigene diverse Persönlichkeiten und vielschichtige Figuren aus. Ganz aus dem Leben gegriffen eben ;)

Dass auch hier und da historisches Wissen vermittelt wird, passiert so nebenbei … wobei bei mir ein alter Gedanke neu aufflackerte: „Vielleicht doch mal New York durchstreifen  …?“ 


„Karl Valentinys irdische Existenz hatte siebenunddreißig Jahre und sechs Tage gedauert. Hätte er in den letzten Stunden seines Lebens eine Vorahnung gehabt, hätte er wahrscheinlich Bilanz gezogen. War all das die Mühe wert gewesen? War es die Anstrengung wert gewesen, Medizin zu studieren und als Soldat nach Afrika zu gehen? Aus der Heimat zu flüchten und über den Ozean zu fahren? Hatte es sich gelohnt, eine gesicherte Existenz als Hausarzt in Dortmund aufzugeben, um eine gesicherte Existenz als Hausarzt in Brooklyn zu führen? War es die Aufregung wert gewesen, die Frau eines anderen Mannes zu heiraten und deren Tochter als seine eigene großzuziehen? Und dass er über tausend Stunden Zola gelesen hatte - würde das noch von Bedeutung sein, nachdem sein Hirn und sein Herz zu Staub zerfallen waren? Würde überhaupt irgendetwas noch irgendwas bedeuten? Hätte er versuchen sollen, während der Zeit, die ihm gegeben war, Einfluss zu nehmen auf den Lauf der großen Dinge der Welt? ….. 
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Hätte er auf irgendeinem Gebiet etwas Großes bewirken können? Hätte er es in der Hand, in seinem Herzen, im Kopf gehabt? Falls nein: Hötte er es trotzdem versuchen sollen?
Man kann annehmen, dass Valentiny sich spätestens an dieser Stelle mit einem nachsichtigen Lächeln zur Ordnung gerufen hätte. Wer war er denn, eine Krämerseele? Ein Buchhalter? Ein Erbsenzähler? Er war zur Welt gekommen, und er hatte gelebt. Über‘s Ganze gesehen war‘s doch recht angenehm gewesen. Jetzt war es für ihn vorbei. Für die anderen würde es weitergehen. Alles in Ordnung.“ 

„Valentinys Grab in Brooklyn Heights ist heute noch zu besichtigen. Es liegt im Green-Wood Cementery in Sektor 41 und trägt die Nummer 13387. Im Winter hat man zwischen kahlen Bäumen hindurch einen schönen Ausblick über den East River nach Manhattan.“ (S. 180f)

🇨🇭 🪶 🗽


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