Donnerstag, 15. Januar 2026

D.H. Lawrence, Söhne und Liebhaber

Ein altes und immer auch aktuell bleibendes Thema: die Leid erzeugende weil zu starke und damit lebenserschwerende Mutterprägung oder kurz: die nur gerngfügig fiktionale Autobiographie eines „Muttersöhnchens“.  Die häufig zur Fehlprägung der Söhne führenden elterlichen Ehe- und Familiendynamiken werden behandelt aber auch die daraus resultierenden Schwierigkeiten der Beziehungsversuche als Erwachsener durch zunächst Abspaltung und dann Auslagerung der Sexualität.

Besonders daran: es ist ein aus der Sicht eines betroffenen Sohns geschilderter Entwicklungs- und Familienroman, der zu seiner Zeit nur stark zensiert veröffentlicht wurde. Die von mir gelesene Ausgabe ist eine erstmals komplett unzensierte Übersetzung aus 2011.

Nebenaspekte: (Un)Gleichheit von Mann und Frau, feministische Bestrebungen im frühen 20Jh, Schichtenzugehörigkeiten und gesellschaftliche Ab- und Aufstiege, schichtenübergreifende Ehen.

Offen gesagt habe ich mich mehrere hundert Seiten lang gefragt, was konkret in diesem doch sehr langen Roman damals zensiert wurde. Für heute-Verhältnisse ist er eher zahm. Danach geforscht, erhielt ich die Auskunft, dass es nicht allein die streckenweise doch recht offen geschilderten Liebesszenen waren, die der Zensur anheimfielen sondern neben Ehebruchsthemen auch eben dieser unverhohlen erotische Unterton in der Mutter-Sohn-Beziehung.   Der - fand ich - besonders deutlich wurde als die Mutter nach ihrem Tod aufgebahrt im Zimmer lag und die gebannte Leserin im Ich-Erzähler quasi einen frühen wenn auch abgeschwächten „Norman Bates“ (Film: Psycho) zu beobachten meinte in seiner inneren Spaltung zwischen Sexualtrieb und Mutterliebe.

Wobei der Autor in seinen späteren Liebesbeziehungen mit den gewählten Partnerinnen zu einem pragmatischeren Umgang mit der Problematik findet:

 „Es war ein Knoten, den sie nicht lösen konnten. Deshalb ließen  sie ihn liegen und nahmen sich, was sie konnten. Was sie nicht erlangen konnten, ließen sie außer Acht.“ (S. 643)“

Der nicht nur lange (incl. dem sehr interessanten Nachwort 761 Seiten) sondern streckenweise für heutige Leser langatmige Roman mit vielen auch anstrengenden Dialogen hat ordentlich  Entschleunigungspotenzial 😎 Eine entsprechende Handlung und Thematik würde in aktuellen Büchern vermutlich auf max. einem Drittel der Seiten abgehandelt und naturbetrachtende Längen, seitenlange Dialoge und Beschreibungen von winzigen Nebenaspekten auf digital geprägte Aufmerksamkeitsspannen zurechtgekürzt. 

Aber auch das hat mich gereizt: mich einzulassen. Die Ermüdungsphasen nicht durch Hoppen zu anderen Texten zu nutzen sondern für Denk- und Hintergründe-Leseeinheiten. Dazu, den Inhalten nachzurecherchieren. Mit vielen interessanten Erkenntnissen und Dazugewinnen über Leben und Hintergründe des auch lange im Münchner Raum  gelebt habenden David Herbert Lawrence (nach dem Tod seiner Mutter ;). 

Seinen nicht romangebundenen sondern anderweitig schriftlich verbürgten Einlassungen zum Roman „Sons and Lovers“ - der übrigens häufig zu den zehn bedeutendsten englischsprachigen Romanen des 20 Jahrhunderts gezählt wird.

Aus einer Notiz von D. H. Lawrence: 

„Zwischen mir und meiner Mutter hat es eine Art Bindung gegeben. Wir haben einander geliebt, fast mit der Liebe von Mann und Frau, aber auch mit Sohnes- und Mutterliebe …. Es ist ziemlich schrecklich gewesen und hat mich in mancherlei Hinsicht abnormal gemacht.“


Wie kommt frau noch heute auf diesen Roman? Durch seine Erwähnung in einem Wissenschaftsmagazin, das sich dieser nahezu zeitlosen Thematik in einem Beitrag widmete. Leider weiß ich nicht mehr, ob es „Gehirn und Geist“, „Spektrum Psychologie“ oder „Psychologie heute“ war (in allen dreien stöbere ich gerne per digitaler Ausleihe gelegentlich etwas herum).
🤰

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