Sonntag, 1. Februar 2026

Thomas Melle: Haus zur Sonne

Nein, ich will nicht sterben, so durchfuhr es mich plötzlich und das erste Mal seit Jahren. Ich will doch leben! … Was ist das nur für ein Wahnsinn, ständig daran zu denken, sich umzubringen, wirklich ständig, und es doch nicht zu tun. Was für eine Verschwendung!  Der Tod kommt doch eh irgendwann, er kommt, wenn er kommt. Ihn zu einer fixen Idee werden zu lassen, ist nur sinnlos und traurig und überdeckt alles andere. … Es war kurz befreiend, so zu denken. (S. 220)


Beim Lesen habe ich mir genau das - s. Zitat oben - ziemlich oft gedacht und irgendwie gehofft, dass der Protagonist zumindest zeitweise bis zu diesem Gedanken - wenn schon nicht zu Freude oder auch nur Zufriedenheit, Selbstakzeptanz oder gar Glücklichsein - finden kann. Der Autor ihn in dieser dessen reales Leben mit sehr packenden Fiktionen vermischenden Romanform dahin finden lässt.


Als es dann geschieht, ist es kaum noch eine Erleichterung weil so viel anderes, Schwere, Ausweglosigkeit die Herrschaft über sämtliche Funken der Hoffnung übernommen zu haben scheint. Oder doch nicht? Ganz klar wird’s nie ….


Der Roman beeindruckt ungeheuer und zieht lesend in den Sog aus Imaginationen und Verwischung von Fiktion und Realität. Sollte es überhaupt einen Unterschied geben … verliert sich die Übersicht, wo was stattfindet und woran es zu erkennen wäre.


Die Vorgängerbücher von Thomas Melle, die ebenfalls seine bipolare Krankheit in den Mittelpunkt stellen, kenne ich nicht. Ebenfalls kenne ich nicht - und bin nach der Lektüre nochmal sehr viel dankbarer dafür - diese Form der extremen Stimmungsumschwünge mit totalem Kontrollverlust. Tendenziell reinfühlen … klappt ganz gut. Aber auf so entscheidend  niedrigerem Niveau - so im Bereich nicht zwingend behandlungsbedürftiger Zyklothymie, dass es eher sowas wie der Vergleich zwischen Dantes zweitem Höllenkreis und dem achten ist, in dem sich der Romanprotagonist befindet.


Die erste Hälfte im Flugzeug gelesen, stellte sich mir irgendwann die Frage, ob wohl jemand an Bord sitzt, der sich freuen würde, wenn das Teil abstürzt … Die zweite Hälfte dann auf einer Hotel-Sonnenterrasse in Fuerteventura, in einem sehr viel wörtlicheren Sonnenhaus also. Was die Gedankeninhalte  nochmal um mehrere Stufen surrealer aber irgendwie durch den Winter-Wärme-Kontrast eingängiger erscheinen lässt. Wozu einen allumfassenden Sinn für irgendwas finden, wenn einfach nur die Sonne scheint?! Manchmal wirkt alles so einfach - und dann wieder eben gar nicht mehr. Und der Wechsel kann auch im Innen ruck-zuck stattfinden.


Der Selbstmord ist wohl eine Beleidigung allen Lebens, auch das der anderen, ist eine Infragestellung seines Werts, eine als nihilistisch empfundene Kränkung  - so wird es von außen gesehen.

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Ich will mir keine Gewalt antun. Ich will nur weg sein.. Keiner hat mich gefragt, ob ich überhaupt da sein wollte. (S. 208)


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