- Natalie Haynes, Die Kinder der Jokaste (eBook)
Diesen Roman, eine Art „historischer Roman“, der bekannte aber auch weniger bekannte Gestalten der Griechischen Mythologie in einer Art „Neuinterpretation“ erzählt, so zu präsentieren, dass es nicht kompliziert klingt, fällt mir ein bisschen schwer.
Denn: je nachdem, wie man das Lesen angeht, kann‘s ziemlich verzwickt werden. Aber wahrscheinlich kann es auch ein ganz einfaches genussvolles Lesen einer dramatisch-ereignisreich-spannenden Familiengeschichte aus der Sicht zweier ihrer Frauenmitglieder sein. Also unkomplizierter als das, was ich daraus gemacht habe. Wer das möchte: einfach nur lesen und nix nachschlagen ;-p
Viele der griechischen Mythen waren mir im Vorhinein rudimentär bekannt aus Büchern und Erzählungen des Lateinlehrers mit großem Faible für Griechenland. Oft nur lückenhaft noch in Erinnerung, so dass ich parallel zum Buch auch die Mythen und Sagenversionen incl. ihrer literarischen Adaptionen von Sophokles bis Goethe nachgeschlagen habe. Aber wie gesagt - und ich schreibe es bewusst nochmal um niemanden abzuschrecken: das muss nicht sein! Vermutlich ist es sogar besser, man lässt das sein.
Dabei stellte sich heraus, dass es „die Geschichte“ nicht gibt sondern unzählige Versionen in unzähligen teils widersprüchlichen Variationen, in der auch die handelnden Personennamen durchaus unterschiedlich sind.
Anders als bei der Bibel wurden die vielen Apokryphen und Geschichtsvariationen eben nicht von irgendwem zu einem allgemeingültigen Kanon redaktionell zusammengefasst ;-D so dass irgendwie alle Varianten irgendwo auftauchen und sich eben die eine oder andere z. B. wegen früherer Interpretationen durchgesetzt hat.
Ich stelle ein Zitat der Autorin aus ihrem Nachwort hier ein:
Heißt konkret: Natalie Haynes kennt ALLE Versionen, alle späteren Adaptionen und gerade beim Querlesen über die existierenden konnte ich feststellen, wieviel Arbeit und Hintergrundrecherche, historisches Wissen und Einflechtung von zur Zeit passenden Kleinigkeiten hier durchscheint. Wieviel Kenntnis auch der Stücke, die das historische Material vorher behandelt haben. Wahnsinn!
Herausgekommen ist ein wirklich schön zu lesender Roman, der aus all dem komplizierten Wissen der Hintergründe eine lebendige und fluffig zu lesende Geschichte einer Familie mit ihrem Umfeld macht.
Die Kapitel wechseln ab zwischen der ans Herz gehenden Geschichte Jokastes und der nicht minder mitreißenden Geschichte ihrer Tochter Ismene, die aus ihrer Sicht ihr eigenes Weiterleben nach dem Tod der Eltern im Thebanischen Königspalast erzählt und das ihrer Geschwister und Familienangehörigen. Völlig hautnah und in schöner Sprache. Ziemlich duster und blutrünstig zuweilen auch.
Wer allerdings wie ich die vorher durchaus vorhandenen Kenntnisse der Griechischen Mythologie parallel nochmal auffrischen und vervollständigen bzw. mit der Romanversion abgleichen möchte … dem rate ich, sich vorher einen Stammbaum des Thebanischen Königshauses zur Zeit von Ödipus und Jokaste zu suchen und immer griffbereit zu halten. Sonst wird‘s mühsam. Aber nötig ist das ohnehin nicht.
Was mich angeht, habe ich mir nicht verkneifen können, auch noch Nebenaspekte und mir selbst gestellte Fragen nachzuverfolgen, so dass ich jetzt auch mehr nicht nur über den Ödipuskomplex weiß, sondern auch über das Jokaste-Syndrom. Und keine Bange: das kniffelige Inzest-Thema wird hier weder reißerisch noch primitiv behandelt sondern wirklich interessant interpretiert und feinfühlig thematisch und menschlich eingebaut.
Wie ich auf den Roman aufmerksam wurde, weiß ich nicht mehr. Er befand sich auf meiner Merkliste der Onleihe. Dort befinden sich ziemlich viele Bücher, die ich oft ziemlich lange nach dem Aufmerksam-Werden ausleihe, so dass ich mich nicht mehr erinnere, wie es zum Interesse kam.
Die üblichen historischen Romane reizen mich im Grunde kaum. Was mich - wenn denn doch - daran reizt, ist genau das, was ich hier in beeindruckender Weise vorgefunden habe: die individuelle und mitlebbare Interpretation. Diese Idee, auf so eine Art die Romanfiguren zu erschaffen und den Leser durch ihre Augen mitsehen zu lassen. Dass es hier aus zweifach unterschiedlicher Frauensicht mit zeitlichen Abständen geschieht, ist auch ein gekonnter literarischer Kniff.
So wenig ich sonst ausschließlich fiktiven Gestalten bei fiktiven Handlungen in (nicht Kriminal-)Romanen zuschauen mag und das entsprechend selten tue wenn es um Familiendramen, Liebesverwicklungen, Machtspielchen … geht - weder lesend noch sehend - diesen Roman zu lesen hat mir großen Spaß gemacht. Es war auch, als würde ich gleichzeitig lesen und die Bilder plastisch vor mir sehen. Großes Kopfkino!
🏛️
P. S. ein kleiner „schräger“ Nebeneffekt: als ich gerade so mittig im Buch angekommen war, unterbrach ich das Lesen, um am vergangenen Sonntag den Tatort „Borowski und das Haupt der Medusa“ anzuschauen. Der erstens - wenn auch in gänzlich anderem Erzählstil - nicht minder gruselig ist und auch zweitens genau die Themen mit anderer historischer Vorbildfigur behandelt. Nämlich die Ödipus-Jokaste-Inzest-Thematik. Auch hier recherchierte ich im Nachhinein die Ursprungsmythen und die Verbindugen zum gelesenen Buch. Das alles führte dazu, dass ich - was bei mir sehr, sehr lange nicht mehr vorgekommen war; ich bin eine selten-Traum-Erinnererin und Tiefschläferin - in der Folgenacht einen wirklich hässlichen Albtraum mit Bildfetzen aus beidem: Film und Buch, hatte, in den ich selber auch noch miteingewoben war und aus dem ich schweißgebadet aufwachte.
Gut, dass DAS nur ein Traum war 😮💨 😉
Liebe Lizzy,
AntwortenLöschenhmmmpfffff. Ich glaub, ich bin raus. Ich mag zwar einzelne Teile der griechischen Mythologie, aber mir fehlen einfach die Zusammenhänge. So musste ich jetzt auch erst nachlesen, welches Stück ich vor ca. 2 Jahren hier im Schauspielhaus gesehen habe, es war "Antigone", sehr eindrücklich inszeniert. (https://www.schauspielhaus-salzburg.at/veranstaltungen/spielzeit-2023-24/antigone/)
Aber dieses Thema - noch verstärkt durch den Tatort - scheint dich ja wirklich sehr beschäftigt zu haben, wenn es sogar nächtens noch nacharbeitet!
Dieses Thema beschäftigte offensichlich sehr viele vor mir, sonst gäb‘s kaum so viele und so extrem unterschiedliche Adaptionen davon in Theater, Filmen und Büchern über Jahrtausende hinweg.
LöschenMeine Art des Lesens und gleichzeitigen Seiten-Recherchierens verleidet hoffentlich niemandem den Roman. Ich wiederhole es gerne nochmal: nichts davon muss man kennen und wissen um das schön und spannend geschriebene Buch von Naltalie Haynes genießen zu können.