Auf dem Cover wird für ein „mitreißendes Portrait …“ geworben, wohingegen es mich persönlich eher weniger gerissen hat und ich das Tempo doch eher gemächlich bis sogar zäh fand. Jedenfalls, was das Lesen der meisten Wanderinnenportraits angeht.
Da wir beim Lesen viel über Martineaus Alltag als wandernde und intellektuelle Frau erfahren, entsteht eine große Nähe zur Autorin. Diese Nähe fördert sie, indem sie mit den Pronomen »wir«, »unser« und »uns« die Leserschaft in ihre Touren einbezieht. Wir lesen nicht nur einfach etwas über die Wanderungen dieser berühmten Schriftstellerin, sondern wir werden von ihr mitgenommen…: — Andrews, Kerri. „Frauen, die wandern, sind nie allein.“ Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, 2022, p. 122
Es werden Tagebücher und Passagen aus den literarischen Veröffentlichungen der zehn portraitierten Frauen durchgegangen - oft in für mich recht zähem Tempo. Praktische Aspekte des Wanderns und der Landschaft treten immer stärker in den Hintergrund. Man erfährt einiges über die Frauen - manches davon interessant - zu wenig für meinen Geschmack über die Wanderungen als solche. Wobei einige wirklich beeindruckende Beispiele vorhanden sind mit Distanzen, bei denen auch heutige Ultraläuferinnen noch staunen könnten.
Das „… sind nie allein“ im Titel ist nicht wörtlich sondern mehr im übertragenen Sinn zu verstehen, denn es wird gerade und besonders auf diejenigen Frauen fokussiert, die ohne Begleitung unterwegs sind. Wenn auch oft nicht ausschließlich.
Die auch plastischen Darstellungen der zeittypischen Vorurteile, Befürchtungen und Schwierigkeiten, denen insbesondere Frauen aufgrund ihrer Wanderlust unterworfen sind bzw damals noch stärker waren, werden klar und durchaus auch spannend herausgearbeitet.
Auch anderen Rezensenten erging es ähnlich wie mir: das tolle Cover samt interessantem Thema mit vielversprechenden Klappentexten und Rezensionsausschnitten ließen Erwartungen aufkommen, die nicht vollständig erfüllt wurden.
Viele als „typisch weiblich“ verortete „Selbstbetrachtungen“ und auch Besonderheiten in Wahrnehmung und Herangehensweise an Wanderungen werden herausgegriffen.
Es gab Stellen darin, die ich spannend fand und beeindruckend - insbesondere in den Zitaten. Außerdem hat mich das Buch neugierig werden lassen auf die schottischen Highlands und den WestCoastPath.



Klingt wirklich interessant, der Titel. Schade, dass der Inhalt die Erwartungen nicht erfüllen kann. Ich hätte vermutlich auf Gründe, alleine zu wandern gehofft und warum es gewählt wurde gehofft. :)
AntwortenLöschenDoris, ich füge mal noch etwas von dem an, das du evtl. erwartet hast. Denn: ich kopiere mir beim Lesen gerne ein paar Zitate raus - sei es hier für den Blog oder einfach nur für mich zum nachher nochmal Drübergucken … und da waren - das Buch selber habe ich schon wieder zurückgegeben - einige diesbezügliche Dinge dabei. Ist lang - aber du als ebenfalls-Schnellleserin hast damit eher kein Problem, nehme ich an ;)
LöschenZitate aus dem Buch (ich sortiere jetzt mal nicht sondern mache einfach nur Strg+C - Strg+V) wobei viele der Sachen schon im Buch Zitate sind. Ich zitiere also z. T. zitierte Zitate :o) Daraus wird auch deutlich, dass auch schon damals diejenigen Frauen, die derart „streunend“ auffielen, auch sonst eher Freigeister waren …
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„De Quinceys Urteil lässt auf einige der kulturell geprägten Vorurteile schließen, aufgrund derer nicht nur Dorothy Wordsworth, sondern wandernde Frauen im Allgemeinen abgeurteilt wurden: ein unweibliches (oder, um es in De Quinceys Worten auszudrücken, »plumpes« oder »geschlechtsloses«) Erscheinungsbild sowie ein hohes Maß überaus unweiblicher körperlicher Aktivität lösten Kritik aus ….. Beim Wandern, so suggeriert De Quincey, ginge Dorothy ihrer Weiblichkeit verlustig, ja selbst ihrer Persönlichkeit. Ist sie keine Frau, was ist sie dann?
Allerdings geht aus Dorothy Wordsworths Tagebüchern und Briefen klar hervor, dass sie sich weder von solchen kulturellen Vorurteilen noch von ihrer vermeintlich »krummen Haltung beim Wandern« bremsen ließ. Im Gegenteil. Ihre Leistungen als Fußgängerin konnten durchaus mit denen ihres Bruders mithalten: Eines schönen Tages im Jahre 1794 lief Dorothy mit William »an ihrer Seite« ganze dreiundfünfzig Kilometer, von Kendal über Grasmere nach Keswick, »durch die bezauberndste Landschaft, die man je gesehen hat«.9 Als sie Tage später einen Brief von ihrer Großtante Crackenthorpe erhielt, in dem diese schrieb, sie habe gehört, ihre Nichte würde »im Lande herumstreunen«, und ihr Missfallen bekundete, antwortete sie:
„Weit davon entfernt, dies als verurteilenswert zu betrachten, dachte ich, meine Freunde würden sich freuen zu hören, dass ich den Mut gehabt habe, von der Kraft Gebrauch zu machen, mit der die Natur mich ausgestattet hat.“ — Andrews, Kerri. „Frauen, die wandern, sind nie allein.“ Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, 2022, p. 21
Teil 2 (wegen: „Ihr Kommentar ist zu lang ;)
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„…. und erzählt davon, wie die physischen Leiden ausgedehnter Wanderungen helfen können, uns wieder in uns selbst zu verorten.“ — Andrews, Kerri. „Frauen, die wandern, sind nie allein.“ Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, 2022, p. 29
Elizabeth Carter fiel mit ihrer Wanderlust daher nicht nur aus dem Rahmen, weil sie eine Frau war, sondern auch, weil sie zu ihrem Vergnügen wanderte: Wer Geld besaß, bewegte sich auf Reisen meist hoch zu Ross oder in der Pferdekutsche. Zwar erwähnt sie im oben zitierten Brief an Catherine Talbot, sie laufe Gefahr, wegen ihres Geschlechts angepöbelt zu werden, doch auf ihren Wanderungen hatte sie davor eher keine Angst. Vielmehr fürchtete sie, der gesellschaftlichen Wohlanständigkeit und ihrem Stand nie richtig entfliehen zu können. Sie fühlte sich der freien Natur zugehörig, der sie zu Fuß am nächsten kommen konnte. — Andrews, Kerri. „Frauen, die wandern, sind nie allein.“ Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, 2022, p. 35
Für sie bedeutete das Sich-vertraut-Machen mit ihrem neuen Zuhause, es in jeder Stimmung und bei jedem Licht zu durchwandern und zu erleben. — Andrews, Kerri. „Frauen, die wandern, sind nie allein.“ Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, 2022, p. 53
Die Begegnung mit dieser Frau und die Reaktion darauf machen auch deutlich, wie stark es von den materiellen Lebensumständen einer Frau abhing, ob sie auf die gleiche Art Gebrauch von ihrem Körper machen konnte, wie Dorothy es tat. Wie Rebecca Solnit anmerkt, hat »Spazierengehen, also um des Vergnügens willen in die Welt hinauszulaufen […] drei Voraussetzungen: Man benötigt freie Zeit, einen Ort zum Laufen und einen nicht durch Krankheiten oder gesellschaftliche Beschränkungen gehinderten Körper«.17 Und Dorothy fällt auf, dass die »arme Frau« keine dieser Voraussetzungen erfüllt, sie selbst dagegen alle.
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AntwortenLöschenTeil 3:
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Solche Begebenheiten finden sich in Dorothys Texten über ihre Wanderungen immer wieder. Sie reichen vom gewährten Zutritt zu den privaten Bereichen der Häuser, in denen sie gemeinsam mit ihrem Bruder und Coleridge auf dem Weg durch die Trossachs Rast machte (Bereiche, die für gewöhnlich der Aufsicht von Frauen unterstanden und den Frauen vorbehalten waren), bis zu Gesprächen mit Mädchen und Frauen auf der Straße. Ihre Schilderungen dieser Momente eröffnen eine ungewöhnliche Sicht auf Orte und Menschen, eine Perspektive, wie männliche Fußgänger sie nur selten aufgezeichnet haben — Andrews, Kerri. „Frauen, die wandern, sind nie allein.“ Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, 2022, p. 62/63“
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Ellen Weeton:
und als sie sah, wie steil er war, schoss ihr durch den Kopf, was mit ihrem Körper geschehen würde, falls sie abstürzte.8 Dass sie die Möglichkeit ihres Todes am Berg schon vor ihrem Aufbruch erwogen hatte, deutet auf eine beeindruckend nüchterne Haltung zum Bergwandern hin — Andrews, Kerri. „Frauen, die wandern, sind nie allein.“ Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, 2022, p. 76
Überaus zufrieden mit meiner etwa dreizehn Meilen langen Wanderung kehrte ich nach Hause zurück. Die wenigen Leute, denen ich begegnet war, hatten entweder keine Notiz von mir genommen oder mich höflich angesprochen. Das stimmte mich zuversichtlich, denn ich gebe zu, dass ich auf meinen ersten Wanderungen noch fürchtete, belästigt zu werden, da ich so gänzlich unbegleitet unterwegs war. — Andrews, Kerri. „Frauen, die wandern, sind nie allein.“ Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, 2022, p. 86
AntwortenLöschenTeil 4:
Bei den beiden bekanntesten Wandersfrauen aus der Sammlung sieht man auch schön, wie sich bei der Autorin des Buches die literaturwissenschaftlichen Interessen in den Vordergrund schieben … wobei ich die Parts, in denen das oft seitenweise NUR der Fall war, gar nicht erst rauskopiert hatte (sondern - ich gestehe freimütig - manchmal nur überflogen und kaum wirklich gelesen habe. Bin ja nicht im Anglistik-Studium …)
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Virginia Woolf
Später spiegelt sich die Abfolge von Bewegung und Ideen, die solche imaginierten Fantasiegebilde entstehen lässt, in Virginia Woolfs Prosa: In dem Maß, wie die Wandernde heimwärts eilt, zu Wärme, Licht und leiblichem Wohl, häufen sich die Kommas, folgen immer dichter aufeinander. Dann, wenn die Erkenntnis einsetzt, eröffnen die Gedankenstriche der Autorin selbst und auch dem Leser Pausen, in denen sie Luft holen können. — Andrews, Kerri. „Frauen, die wandern, sind nie allein.“ Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, 2022, p. 139
Auf ihren Streifzügen holte Virginia Woolf eine reiche Ernte von Momenten, Charakteren und Begebenheiten ein, wobei ihr Tagebuch häufig als literarisches Laboratorium diente, in dem sie mit der Sprache experimentierte. Die Beobachtungen, die sie auf ihren Spaziergängen einfing, wurden zum Rohmaterial für die Entwicklung ihres einzigartigen Erzählstils: Von manchen Ausflügen brachte sie eine wilde Mischung gehamsterter Schätze mit nach Hause, auf anderen sammelte sie wunderbare, prägnante Beschreibungen, die die Quintessenz dessen einfingen, was sie gesehen hatte. Das Zufußgehen war für beide Arten des Sammelns unverzichtbar. Die Formulierungen und Sätze, die ihr einfielen, während sie umherstreifte, waren ihrem Verständnis nach Erzeugnisse des Landes. Dementsprechend wurde das Schreiben zu einer Art Ernte, bei der sie die sprachlichen und visuellen Früchte der Umgebung einbrachte. — Andrews, Kerri. „Frauen, die wandern, sind nie allein.“ Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, 2022, p. 141
„Die Abendstunde gibt uns auch die Verantwortungslosigkeit, die Dunkelheit und Lampenlicht gewähren. Wir sind nicht mehr ganz wir selbst. Wenn wir an einem schönen frühen Abend zwischen vier und sechs aus dem Haus treten, werfen wir das Ich ab, an dem uns unsere Freunde erkennen, und werden Teil jener großen republikanischen Armee anonymer Wanderer, deren Gesellschaft so angenehm ist nach der Einsamkeit des eigenen Zimmers. — aus Virginia Woolf: „Shepherd, der lebende Berg“ (S.68)
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Anäis Nin
Baudelaires Beschreibung ist durch und durch männlich, von den Analogien bis hin zu den Pronomen. Dennoch gibt es augenfällige Ähnlichkeiten zwischen dieser Darstellung und den eindrücklichen Erfahrungen einer Anaïs Nin, die als Frau durch Paris und London streifte. Auch Nins »Domäne« war »die Menge«, vor allem, wenn es ihr gelang, Abstand zu all diesen Menschen und deren Geschäften zu halten. Andererseits war sie sich, genau wie Baudelaire, der Widersprüche bewusst, die sich daraus ergaben, mitten im Gewimmel und zugleich davon getrennt zu sein. Ebenso wenig war es eine exklusiv männliche Erfahrung, Lebenskräfte der Stadt zu spüren: Nins Prosa summt davon. — Andrews, Kerri. „Frauen, die wandern, sind nie allein.“ Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, 2022, p. 178